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Eine 4000 Jahre alte Mumie wird lebendig:
Besuchen Sie den altägyptischen Beamten Idu II und treten Sie ihm "Auge in Auge" gegenüber!

RTL Nord Niedersachsen & Bremen, 24.01.2017

Mumie und Gesichtsrekonstruktion ab sofort in unserer Ägyptenausstellung zu sehen

„Idu würde sich selbst wieder erkennen“ glaubt Oliver Gauert, Ägyptologe und Mumienexperte vom Roemer- und Pelizaeus-Museum (RPM). Damit meint er die Gesichtsrekonstruktion, die am 24.01.2017 mit der rund 4000 Jahre alten Mumie des altägyptischen Beamten, seinem hölzernen Sarg und seinen Grabbeigaben in der Ägypten-Ausstellung des RPM installiert wurde.

Die Mumie des Idu war eines der Highlights in der bisher deutschlandweit größten Mumien-Ausstellung, die das RPM 2016 zeigte. Neben der Mumie selbst stießen auch die Ergebnisse der zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen bei den Ausstellungsbesuchern auf großes Interesse. Vor allem die digitale Gesichtsrekonstruktion und das darauf beruhende, damals noch vorläufige Modell von Idus Kopf zogen die Betrachter in ihren Bann und sorgten weltweit für Aufmerksamkeit.

Idu II: Eine der am besten erforschten Persönlichkeiten des pharaonischen Ägypten

Idu war ein hoher Beamter, der im Alten Reich während der Regierung Pepi II. lebte. Als Leiter des Büros der Tannenholzverwaltung war er für den Import des wertvollen Baumaterials aus Asien zuständig und hatte damit eine Schlüsselfunktion in der Administration inne. Außerdem war er Kammerherr und persönlicher Schreiber des Königs.

Die völlig unberührte Grabkammer auf dem Westfriedhof in Giza wurde 1914 entdeckt. Darin befand sich neben der kompletten Grabausstattung der ungeöffnete hölzerne Kastensarg mit der Mumie. Dank der damals üblichen offiziellen Fundteilung durch die ägyptische Antikenverwaltung gelangte ein wesentlicher Teil der Grabausstattung nach Hildesheim, da Wilhelm Pelizaeus, der Gründer des Pelizaeus-Museums, die Grabung finanziert hatte.

Die Mumie kam in Deutschland in einem sehr desolaten Zustand an. Der Kopf wurde spätestens beim Transport von Ägypten nach Hildesheim abgetrennt. Im Zuge der Restaurierung zur Mumienausstellung wurden Kopf und Körper wieder vereint. Der weitgehend skelettierte Körper ist nahezu vollständig, es fehlen einzelne Knochen des Hand- und Fußskeletts sowie Teile der Rippen und einzelne Wirbelknochen. Der Kopf zeigt eine gute Erhaltung der Weichteile, die noch immer von mindestens drei Lagen Binden umgeben sind.

Die Mumie ist eine von nur sehr wenigen erhaltenen Mumien des Alten Reiches. Darüber hinaus führte ihre intensive Untersuchung  zu einer grundlegenden Neubewertung der Entwicklung der ägyptischen Mumifizierungstechnik: Die erhaltenen Binden an der Mumie sind mit Balsamierungssubstanzen durchtränkt, die zahlreiche antibakterielle und antimykotische Substanzen enthalten, die als Hauptwirkstoffe der Balsamierungssubstanzen späterer Dynastien identifiziert werden konnten. Damit wurde erstmals an einer Mumie des Alten Reiches Balsamierung nachgewiesen.

Idus Körpergröße konnte anhand der langen Röhrenknochen auf ca. 1,66 Meter bestimmt werden. Er war vermutlich Rechtshänder und bei seinem Tod zwischen 55 und 65 Jahre alt. An der Wirbelsäule wurden altersentsprechende degenerative Veränderungen festgestellt. Hinzu kamen mehrere Bandscheibendefekte und eine leichte Skoliose der Brustwirbelsäule. Die Skelettmuskulatur war wohl wenig ausgeprägt, was sich ins Bild fügt,da er als hoher Beamter keine schwere körperliche Arbeit verrichten musste. Trotzdem lassen sich Rückschlüsse auf Mangelerscheinungen und Infektionskrankheiten ziehen, die in der Oberschicht selten auftraten, und die Oberschenkelknochen zeigen Merkmale für ein verzögertes Knochenwachstum in der Kindheit.

Das Gebiss ist noch immer mit allen 32 Zähnen vollständig erhalten, zeigt allerdings diverse krankhafte Veränderungen und ausgeprägte Abnutzungserscheinungen, wie sie für Menschen des alten Ägypten typisch sind, wo Sandkristalle in der Nahrung die Zähne beim Kauen regelrecht abschliffen. In beiden Augenhöhlen finden sich Reste der eingetrockneten Augäpfel, das Gehirn wurde nicht entfernt.

Anhand seines Schädels wurde der Kopf des Idu mit Hilfe von CT-Bildern von Forensikern um Prof. Dr. rer. nat. Ursula Wittwer-Backofen an der Universität Freiburg in enger Zusammenarbeit mit dem Hildesheimer Mumienforschungsprojekt rekonstruiert. Für die Rekonstruktion ermittelten die Experten anhand der Ausprägung spezifischer Knochenstrukturen des Gesichtsschädelsdie Stärke der darüber liegenden Schichten der mimischen Gesichtsmuskulatur. Diese Daten erhielt Reiner Schneider, Laborleiter von der Fakultät Gestaltung der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim und modellierte zunächst das Gesicht am Computer, bevor er damit eine CNC-Fräsmaschine programmierte. Sechs Stunden lang fräste sie die Gesichtszüge des Ägypters in einen Hartmodellschaum aus Polyurethan. Besonders wichtig für die Charakterzüge waren die Wangenknochen, Länge der Nase und die Augenpartie, die auf wenige Hundertstel Millimeter genau auf Basis der ermittelten Daten herausgearbeitet wurden.

Den so erstellten Kopf bearbeitete dann die Bildhauerin Konstanze Thomas-Zach, um ihm –  in enger Anlehnung an die forensischen Daten und die Erkenntnisse über Alter und Körperbau des Idu –  menschlichere Züge zu geben. Dazu gehörten u. a. die Ausarbeitung der Ohren, alterstypischer Mimikfalten und die Bemalung mit einer Hautfarbe sowie der Augenpartie mit Augäpfeln, Iris und Augenbrauen.

Die Mumie des Idu II gehört mittlerweile zu den am besten erforschten Mumien der Welt und ist immer noch Gegenstand intensiver Untersuchungen durch das RPM, an dem seit 2015 eines der weltweit führenden Mumienforschungsprojekte etabliert wurde.

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