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Projekt Provenienzforschung am Roemer- und Pelizaeus-Museum

Ein Bronzekopf aus Benin, den das RPM 1913 durch Vermittlung Edgar Waldens vom Königlichen Museum für Völkerkunde Berlin erwarb. Der Königspalast in Benin-City war 1897 von britischen Truppen geplündert worden, woraufhin 4.000 wertvolle Bronzegüsse in den internationalen Kunsthandel gelangten.
Ein Bronzekopf aus Benin, den das RPM 1913 durch Vermittlung Edgar Waldens vom Königlichen Museum für Völker- kunde Berlin erwarb. Der Königspalast in Benin-City war 1897 von britischen Truppen geplündert worden, woraufhin 4.000 wertvolle Bronzegüsse in den internationalen Kunsthandel gelangten.

Was ist Provenienzforschung?

Provenienzforschung - die Untersuchung der Herkunft und Erwerbungsumstände von Gegenständen in Museumssammlungen - wird in Zusammenhang mit Kunstwerken, die während der Zeit des Nationalsozialismus auf unrechtmäßigem Wege in Museen gelangten, bereits seit längerer Zeit in Deutschland intensiv betrieben.

Im Hinblick auf so genannte sensible Objekte (z. B. religiöse Gegenstände oder Kriegsbeute aus kolonialen Kontexten) in ethnologischen Museumssammlungen steckt diese Art der Forschung demgegenüber noch in den Kinderschuhen. Bislang konzentrierte sie sich hauptsächlich auf menschliche Überreste aus außereuropäischen Kulturen, die unter fragwürdigen Umständen gesammelt wurden und deshalb bisweilen nach sorgfältiger Prüfung an die Nachfahren der Verstorbenen oder ihre Herkunftsethnien zurückgegeben werden. Inzwischen weitet sich die Provenienzforschung aber zunehmend auf andere Bestände der Sammlungen aus, bei denen es sich nicht um menschliche Überreste handelt.

Bereits 2017/2018 gab es am RPM ein erstes Provenienzforschungs-Projekt an Teilen der ethnologischen Sammlung, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts vom damaligen Königlichen Museum in Berlin an das Roemer-Museum gelangten, darunter ein Bronzekopf aus Benin und "Kriegsbeute" aus dem Maji-Maji-Krieg (1905-1907) in Tansania, damals die Kolonie Deutsch-Ost-Afrika. Ergebnisse dieser Forschung wurden in der Ausstellung "Mit 80 Objekten um die Welt" vorgestellt.

Die Provenienzforschung an der ethnologischen Sammlung des RPM geht weiter.

Haarschmuck (lakasaka), Mikronesien, Karolinen-Archipel, Mortlock-Inseln. Inv.-Nr. V 6 (Museum Godeffroy Inv.-Nr. 686). Sammler: Johann Stanislaus Kubary (1846-1896). ©RPM
Fächer (ili), Polynesien, Samoa. Inv.-Nr. V 18 (ohne Inv.-Nr. Museum Godeffroy). Sammler: wahrscheinlich Eduard Graeffe (1833-1916). ©RPM

Besondere Relevanz erhält diese Art der Forschung vor dem Hintergrund gegenwärtiger Debatten, in denen die Rückgabe von ethnologischen Objekten, die in der Kolonialzeit gesammelt wurden, an ihre Herkunftsgesellschaften gefordert wird. Im Rahmen des von der VW-Stiftung geförderten Verbundprojektes "Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen" (PAESE) ist die Ethnologin Dr. Sabine Lang daher nun bis Oktober 2021 weiteren Sammlern und den Umständen auf der Spur, unter denen sie ethnologische Objekte erworben haben. Es geht diesmal um Stücke aus Ozeanien und Namibia in den Beständen des RPM. Bezüglich Namibias ist eine Zusammenarbeit mit Mitgliedern der Volksgruppen der Nama und Herero geplant, von denen die Objekte stammen.

Ein Schwerpunkt des Projektes liegt auf Gegenständen, die über Hildesheimer an das Museum kamen. Eine Schlüsselfigur ab den frühen 1870er-Jahren war beispielsweise ein Cousin der Roemer-Brüder, Gottfried Ludwig Dyes (1831-1903), der Erbauer der gleichnamigen Villa in Hildesheim. Er war Großkaufmann und österreichischer Generalkonsul in Bremen mit weitreichenden Beziehungen in verschiedene Teile der Welt und einflussreiche politische Kreise. Diese Netzwerke und seine finanziellen Mittel nutzte er, um dem Hildesheimer Museum großzügig ethnologische Sammlungen - so etwa aus Namibia (1884/1885, Sammlung Höpfner) und Ozeanien (1883, Sammlung Zembsch) - zum Geschenk zu machen. Den Erwerbungsumständen dieser Sammlungen geht Sabine Lang nun unter anderem in Archiven nach.

Ebenfalls aus Namibia stammt ein Dutzend Waffen mit dem Herkunftsvermerk "Waterberg" (dem Ort des entscheidenden Gefechtes zwischen den Herero und den deutschen "Schutztruppen" 1904). Sie wurden wahrscheinlich von Wilhelm Eich (1850-1935), Missionar und zeitweiliger Präses der Rheinischen Mission in Namibia, gesammelt. Nach seinem Tod schenkte sein Sohn, der Korvettenkapitän und Oberturnlehrer Willibald Eich (1886-1960), der in Namibia geboren, aber seit 1922 in Hildesheim ansässig war, diese Waffen dem RPM. Hier können Aufzeichnungen Wilhelm Eichs im Archiv der Vereinten Evangelischen Mission möglicherweise Aufschluss darüber geben, ob die Waffen "Kriegsbeute" vom Gefecht am Waterberg sind oder nicht.

Objekte aus Ozeanien, die bereits vor Beginn der deutschen Kolonialherrschaft gesammelt wurden, erwarb das Museum in den 1870er- und 1880er-Jahren aus den Beständen des Hamburger Museums Godeffroy. Für sein Museum beauftragte der in Ozeanien sehr aktive Kaufmann Johan Cesar Godeffroy VI (1813-1885, Spitzname: "König der Südsee") ab Anfang der 1860er-Jahre Wissenschaftler, dort naturkundliche und ethnologische Sammlungen anzulegen, von denen erhebliche Teile an andere Museen verkauft wurden. Nach der Insolvenz der Firma "Joh. Ces. Godeffroy & Sohn" wurden schließlich die gesamten verbleibenden Bestände des Museums verkauft. Auch hier soll durch Recherchen in Archiven und anderen Quellen Licht in die Erwerbungsumstände gebracht werden.

 

 

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