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Ingenieur Götting und die stinkende Robbe

Bild: Für den Magazinumzug der Museumsbestände verpackte Tierschädel, rechts unten Seelöwenschädel, ohne Inv.-Nr., Sammlung Albert Götting. © RPM, A. Spiekermann

Es war einmal ein Hildesheimer Gymnasiast namens Albert Götting, der schenkte dem Städtischen Museum Hildesheim (dem heutigen Roemer-Museum) 1866 oder 1867 "eine größere Anzahl Muscheln und Versteinerungen, eine Frucht aus China, ein Glasbild". Wie der Pennäler Albert vor allem an die exotische Frucht gekommen war, wissen wir nicht, aber seiner Leidenschaft für Steine blieb er treu, denn er wurde Bergbauingenieur. Hierzu gehörte eine profunde geologische Ausbildung, sodass er nicht nur den Direktor des Hildesheimer Museums, Achilles Andreae (1859-1905, Direktor von 1894 bis 1905) kannte, sondern die beiden noch weitere gemeinsame Bekannte hatten, so etwa die renommierten Geologen Carl Oebbecke (ein gebürtiger Hildesheimer) und Friedrich Ulrich (Hannover/Melbourne) - letzterer ein Schüler Friedrich Adolf Roemers.

Albert Götting wanderte nach Südamerika aus, wo er in seinem Beruf als Bergbauingenieur arbeitete, zunächst im Departamento Potosí in Bolivien. Weil er das dortige Höhenklima nicht vertrug - Potosí liegt mehr als 4000 Meter über dem Meeresspiegel -, verlegte er seinen Hauptwohnsitz 1896 nach Andacollo, einen Wallfahrtsort in der Nähe der Hafenstadt Coquimbo in Chile. Zu seinen Aufgaben gehörte das Erstellen "bergmännischer Gutachten", was Dienstreisen bis nach Peru und Ecuador mit sich brachte. Überall sammelte Götting vor allem geologische, aber auch ethnografische, zoologische und archäologische Stücke, die er dem Museum in Hildesheim schenkte oder verkaufte. Seine Briefe sind im Stadtarchiv erhalten. Dann bot sich die Gelegenheit, Direktor Andreae etwas Besonderes für die naturkundliche Abteilung seines Museums angedeihen zu lassen. Anfang März 1897 waren zwei tote Südamerikanische Seelöwen (auch Mähnenrobben genannt) in Coquimbo angespült worden, einer davon "2,5 m lang, männlich & der Haut entkleidet", wie Götting dem Hildesheimer Direktor schrieb. Der Kopf des Tieres kostete nur einen Peso, es gab aber ein Problem: Der Seelöwenkopf "war leider mit Fleisch & Haut umgeben und roch so fürchterlich, daß ich mich nicht selbst daran wagte." Was tun? Götting erbat vom Hildesheimer Direktor Instruktionen: "Wie befreit man am besten die Fleischtheile von Thierschädeln? An der Sonne freiliegend, oder z. B. in 1 Sack, den man ins Meer hängt?"

Welchen Rat der Ingenieur vor Ort in Coquimbo oder aus Hildesheim erhielt, ist nicht bekannt. Schließlich gelang es ihm aber, den sicherlich immer übler riechenden Robbenkopf in einen geruchsneutralen, museumstauglichen Schädel verwandeln zu lassen, denn in einem Brief ohne Datum konnte er Andreae mitteilen: "Die 2 Seelöwen-Schädeltheile, Ober- und Unterkiefer, hat der 4. Maschinist auf einem Kosmos-Steamer vor ¾ Jahren zur Besorgung erhalten." Offenbar führte der Maschinist des Ozeandampfers seinen Auftrag getreulich aus, denn der Seelöwenschädel befindet sich noch heute in der naturkundlichen Sammlung des Roemer-Museums.

Dr. Sabine Lang, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Ausstellungskuratorin, RPM Hildesheim

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