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Wir handeln das!
Über Objekthandling und Präsentation

1) Probe für die Montage eines namibischen Mieders aus Straußeneier- und Eisenperlen. Zu sehen in unserer aktuellen Sonderausstellung "Modische Schwergewichte aus Namibia". Montage aus säurefreier Wellpappe, PE-Schaum, mit schadstoffarmer Textilbespannung und Messinghalterungen. ©RPM, Foto: Teodora Szanto
2) Endspurt, Ausstellung "Modische Schwergewichte aus Namibia". ©RPM, Foto: Sabine Lang
3)"Und wo soll die Krokohaut hin?", "Voodoo"- Ausstellungsaufbau. ©RPM, Foto: Lea Kristin Kschuk
4) Erprobung und Entwicklung eines Lichtkonzeptes zur differenzierten Präsentation verschiedener Figuren, quasi „auf Knopfdruck". Vergangene Sonderausstellung "Irrtümer und Fälschungen der Archäologie" 2018. ©RPM, Foto: Teodora Szanto
5) T-Stücke aus Messing, gelötet, Foto: Teodora Szanto
6) An Vitrinenrückwand montierte Geledemasken aus Holz, „Voodoo“- Ausstellung, 2019, ©RPM, Foto: Teodora Szanto
7) Detailfoto - montierte Geledemaske, ©RPM, Foto- Teodora Szanto
8) Einrichten der Ahsenvitrine, „Voodoo“- Ausstellung, 2019, ©RPM, Foto: Lea Kristin Kschuk
9) Schlange, die sich selbst frisst, 2013 Kamerun, Metall, SoAM Inv. Nr. SoA500, „Voodoo“- Ausstellung, 2019, Links: Passprobe im Vorfeld des Aufbaus, rechts: Ausstellungssituation. ©RPM, Fotos: Teodora Szanto.
10) Installation der Objekte im Sklavereibereich, „Voodoo“- Ausstellung, 2019, ©RPM, Foto- Teodora Szanto

Wir präsentieren Ihnen regelmäßig Sonderausstellungen und möchten Sie immer erneut beeindrucken und Ihnen ein Stück Geschichte oder unsere aktuellsten Forschungsergebnisse vermitteln. Damit das gelingt arbeiten wir eng zusammen. Im engsten Kreis sind wir Kuratoren, Handwerker und Restauratoren, die sich bei einer Ausstellung im "hands-on"- Modus beteiligen. Ja, wir dürfen und müssen Objekte anfassen, damit wir sie Ihnen präsentieren können. Für Sie als Besucher mag die Vorstellung ein millionenschweres Objekt in den Händen zu halten ein schauderndes Gefühl hervorrufen. Manchmal geht es uns nicht anders. Damit Objekte auf dem "Weg" aus dem Depot in die Ausstellung nicht beschädigt werden, gibt es universell akzeptierte "Regeln", die es im Umgang mit den Objekten oder beim Handling der Objekte (wie es im internationalen Fachjargon heißt) zu beachten gilt. Diese sind unter anderem das Benutzen von Nitril- oder Baumwollhandschuhen und die nach Möglichkeit weich gepolsterte Position der Objekte.

Ob ausgeliehen oder aus dem eigenen Bestand forschen in erster Linie die Kuratoren an den Objekten. Sie setzen sich mit der Ikonographie, Funktion und u.a. mit der Herstellungsweise des Objektes auseinander. Sie drehen, wenden und vergleichen das Objekt mit anderen und das stets mit Nitrilhandschuhen.

Zunächst mag jedes Objekt auch von den Restauratoren angeschaut werden, denn es ist einzigartig! Oft sind die Objekte, je nach Material, in einem schlechten Erhaltungszustand. Es empfiehlt sich also das Objekt vorsichtig zu handeln und erstmal zu schauen welche Probleme das Objekt hat. Es gilt eben wie bei einem Arztbesuch eine Anamnese vom Patienten zu erheben, indem man es genau anschaut und sich die Objektdokumentation durchliest. Manchmal gibt es im Zuge von Ausstellungen besondere Fragestellungen an Objekten seitens der Kuratoren. Abhilfe kann ein Blick auf das Objekt durch das Mikroskop verschaffen oder die Betrachtung des Objektes bei unterschiedlichen Wellenlängen im UV-Licht.

Die Ergebnisse einer solch relativ einfach zu bewerkstelligenden Untersuchung können schonmal konkrete Folgen haben wie z. B. ein erforderliches Herunterregulieren oder eine Zeitsteuerung der Beleuchtung in der Vitrine bei Textilien, bei Objekten mit gefasster Oberfläche, etc. Deshalb seien Sie uns bitte nicht böse, wenn ein Objekt nicht ganz ins rechte Licht gerückt werden kann! Durch das Handeln des Objektes lernen wir dessen Bedürfnisse auf taktile Weise näher kennen. Manche Objekte haben sich zudem besser erhalten als andere. Manche aber bröckeln, zerbröseln, zerfallen, ihre Farbe blättert ab, ihr Lack ist ab, sie sind aus dem Leim gegangen, haben sich verworfen, ihr Überzug ist vergilbt, sie liegen in mehreren auseinandergebrochenen Teilen vor, sie sind verwittert, verschmiert, weisen riesige Fehlstellen auf etc. Natürlich gibt es hin und wieder aus konservatorischer Sicht Handlungsbedarf und die Objekte werden konserviert, manchmal restauriert. Wenn aber das Objekt stabil ist, kann man mit den Überlegungen zur Präsentation fortfahren.

Eine gelungene Präsentation hängt von vielen Faktoren ab. Zuerst stellen wir ein Objekt zusammen mit seinen "Vitrinenkameraden" auf. Somit ist eine Beurteilung der ästhetischen Gesamtwirkung einer Vitrine möglich. Sowohl die Sockelauswahl als auch die eigentliche Präsentation ­- die meist mittels besonderer Montagen erfolgt - wird zusammen mit den Kuratoren besprochen. Da die meisten Objekte keinen sicheren Stand haben, muss oftmals mit einer extra dafür angefertigten Konstruktion nachgeholfen werden.

In manchen Museen gibt es sogenannte "mount-maker" (was so viel wie Montagenbauer bedeutet), die auf das Objekt abgestimmt, spezielle Anfertigungen erstellen. Diese Anfertigungen werden bei uns im Haus von uns Restauratoren übernommen. Beliebte Materialien in unserer Werkstatt sind hierfür textile Materialien die möglichst schadstoffrei sind, diverse PE-Schäume, säurefreie Wellpappen, Seidenpapier, Messing und Edelstahl für Stützkonstruktionen, Acryl, Gips und speziell angerührte Kittmassen mit verschiedensten Anforderungen (Siehe Bilder 1-4) . Ebenso wie Restaurierungsmaßnahmen unterliegen Montagen dem Prinzip der Reversibilität (wieder rückgängig machen). Die Objekte dürfen also in keinster Weise durch Montagen beschädigt werden. Auch müssen Montagen abnehmbar sein, sollen dem Erscheinungsbild des Objektes nicht auftragen und möglichst unaufdringlich bzw. unsichtbar sein.

Es wird gelötet, erwärmt, gebogen und gebohrt- was das Zeug hält!
Für unsere letzte große Sonderausstellung "Voodoo" wurden zahlreiche wenn nicht hunderte Halterungen aus Messing hergestellt. Ein T-Stück aus Messing ist oftmals "Gold wert"! Deshalb fertigen wir solche T-Halterungen pauschal in verschiedenen Größen und Stärken vor (siehe Bild 5).

Die Voodoo-Ausstellung war aber bislang die größte Montage-Challenge. Schneiderpuppen mussten her, um diverse Kostüme darauf zu drapieren. Manche Objekte mussten aufgehangen, eingelassen oder gesockelt und Andere an der Vitrinenrückwand befestigt werden. Das Befestigen der Masken an den Vitrinenrückwänden war jedoch nicht mit einem schnöden Nagel getan - es mussten besondere maßangefertigte Konstruktionen her (siehe Bild 6-7).

Oft sind wir Restauratoren beim Installieren der Objekte in den Vitrinen auf die kräftige Unterstützung unserer Handwerker insbesondere der Tischler angewiesen. Vor allem, wenn wir große, schwere Objekte montieren, installieren oder deinstallieren müssen. Es ist auch immer eine Frage des Einfallsreichtums, wenn es darum geht, die Ausstellungskonzepte unserer Kuratoren umzusetzen. Um die Ecke denken und gemeinsames Brainstorming nach Lösungen sind unser Alltag. Zum Beispiel bei der Ahsenvitrine in der Voodoo-Ausstellung sollten Bilder nebst Schädelpräparaten hängen, während die Ahsen den Boden der Vitrine schmücken sollten. Ahsen sind die kunstvoll realisierten Metallstäbe mit Szenen-Hütchen zum Gedenken an die Ahnen (siehe Bild 8). Übernommen aus dem Soul of Africa Museum in Essen (kurz SoAM) - wo sie in einer mit Sand gefüllten Kunststoffbox eng beieinander ausgestellt waren - sind diese Ahsen unterschiedlich lang und stark. Um soweit wie möglich ein harmonisches Gesamtbild zu erzeugen und einen sicheren Stand zu gewährleisten, mussten die Stäbe der Ahsen verlängert werden. Mit farblich angepassten und auf die gewünschte Länge zugeschnittenen Aluminiumnrohren wurden die Ahsen quasi verlängert und durch eine Bohrung in den Vitrinenboden eingelassen. An die Tür der hauseigenen Tischlerei wurde öfter mal geklopft, mal für einen Rohrschneider, mal für Besorgungen, mal für einen besseren Forstnerbohrer und manchmal für eine dritte Hand.

So manches Mal müssen wir besondere Wünsche berücksichtigen, wie im Fall der "sich selbst fressenden Schlange", die aufrecht im 2. OG vor der Voodoo-Weltkarte präsentiert werden sollte. Dieses wundervolle Objekt ist aus Metall gefertigt und wiegt daher ein bisschen mehr. Zudem steht das Objekt nicht von alleine. Hierfür wurde eine Montage aus Edelstahl und Messing angefertigt. So eine Montage nimmt mit Entwurf, Hartlöten, Schleifen, Biegen und Lackieren schon mal gerne drei gute Stunden in Anspruch (Siehe Bild 9).

Wenn wir so eng mit Objekten arbeiten und deren Bedürfnisse ergründen um Ihnen in der Präsentation gerecht werden zu können, kommt es vor, dass man eine Bindung zum Objekt aufbaut. Man erwischt sich manchmal selber beim laut denken: "...du bist aber ein schönes Objekt!" oder "...ein Schätzchen! Sehr hübsch!".

Manchmal wiederum kann ein Objekt einem auch die Sprache verschlagen und das nicht weil einem die Worte fehlen um die Schönheit dieses Objektes zu beschreiben sondern weil es etwas mit einem macht, einen nachdenklich stimmt und sogar erschüttert (siehe Bild 10).

Restauratorin Teodora Szanto, M.A., RPM Hildesheim

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