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Die Stadt Pi-Ramesse

Abb. 1 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Blick über den westlicher Bereich des antiken Zentrums der Ramses-Stadt

Um ca. 1300 v. Chr. wurde die nördliche Haupt- und Residenzstadt Ägyptens aus strategischen und verwaltungstechnischen Gründen von Memphis in das östliche Nildelta verlegt. Die neue Stadt wurde „Haus-des-Ramses-geliebt-von-Amun-groß-an-Macht-des-Re-Harachte" genannt und spielte für ca. 200 Jahre eine zentrale Rolle in der Geschichte des Landes. Von hier aus regierte Ramses ll. („der Große"), der nicht nur durch seine Schlacht gegen die Hethiter bei Kadesch und den später abgeschlossenen, weltweit ersten Friedensvertrag berühmt geworden ist, sondern auch durch seine beeindruckenden Tempelbauten in Ägypten und Nubien, wie z.B. das Ramesseum in Theben oder den Festtempel von Abu Simbel.

Mit einer geschätzten Gesamtausdehnung von ca. 15 km² handelt es sich bei der Ramses-Stadt um eine der größten antiken Metropolen des östlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens. Hier wohnten und arbeiteten nicht nur Ägypter sondern auch zahlreiche Ausländer, die ihre eigene materielle Kultur mitbrachten, durch welche die Stadt zu einem einzigartigen kulturellen Schmelztiegel wurde.

Die Überreste dieser Stadt liegen heute nahezu unsichtbar unter den landwirtschaftlich genutzten Feldern in der Nähe der modernen Ortschaft Qantir (Abb. 1), ca. 100 km nördlich von Kairo und 80 km westlich von Ismailia. Lediglich ein überdimensionales Fußpaar, das einst zu einer etwa 10 m hohen Sitzstatue Ramses`II. gehörte, zeugt noch heute von der großartigen Vergangenheit dieses Ortes, denn der größte Teil der aus Stein geschaffenen Bauten und Statuen wurde nach der Aufgabe der Stadt als Residenz von späteren Generationen als bequemer Steinbruch genutzt. 

Das Projekt Ramses-Stadt

Abb. 2 © Ramses-Stadt, E.B. Pusch/J. Klang: Das östliche Mittelmeer und seine Kulturen in der Bronzezeit

Seit mehr als 35 Jahren werden die Überreste der Ramses-Stadt systematisch erforscht. Im Gegensatz zu zahlreichen pharaonischen Tempel- und Friedhofsanlagen wurden bislang nur wenige altägyptische Städte genauer untersucht. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur einen Beitrag zur Erforschung der Stadtstruktur und Siedlungsentwicklung  zu leisten, sondern auch die daraus ablesbaren sozialen Bezüge zu ermitteln. Die Tatsache, dass im Gegensatz zur Ramses-Stadt viele andere altägyptische Städte z.B. durch moderne Überbauung, den jahrhundertelangen Abbau und die Wiederverwertung der Baumaterialien oder landschaftliche Veränderung, wie z.B. die Verlagerung der Flussarme, nahezu unerforschbar geworden sind, erhöht die Bedeutung des Projektes. Mit der Ramses-Stadt rückt eine geographische Region Ägyptens in den Fokus, die lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt wurde, obwohl sie eine wichtige Verbindung zu den Zentren des syropalästinensischen Raumes und weiter nach Mesopotamien, der Türkei und Griechenland schafft (Abb. 2). Deshalb ist es ein erklärtes Teilziel, sich besonders den Fragen nach überregionalen Zusammenhängen im Hinblick auf kulturellen Austausch, Technologietransfer und Handelsbeziehungen zu widmen.

Die Tatsache, dass die archäologischen Stätten im Fruchtland des Nildelta akut bedroht sind, erhöht die Dringlichkeit des Projekts, denn nur wenige, meist kleine Flächen dieser Region stehen unter dem Schutz der Antikenverwaltung. Die archäologischen Befunde der restlichen Areale sind insbesondere durch eine immer intensivere Landwirtschaft mit dem Einsatz größerer Maschinen, sowie durch das starke Wachstum moderner Siedlungen in großer Gefahr. Demzufolge kann man das Projekt „Ramses-Stadt" fast als einen Notgrabung bezeichnen.

 

Das Projekt "Ramses-Stadt" begann zunächst als Joint-Mission des Österreichischen Archäologischen Instituts, Zweigstelle Kairo mit dem Roemer- und Pelizaeus-Museum (RPM), wurde später vom RPM eigenständig weitergeführt und von 1980-2010 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Zwischen 2011 und 2017 wurde es in Kooperation mit dem University College London, Zweigstelle Qatar, erfolgreich weitergeführt. Seit 2017 ist die Humboldt-Universität zu Berlin Partner des RPM bei diesem Projekt. Eine Vielzahl von Einzelaspekten wird in Zusammenarbeit mit verschiedenen ägyptischen und internationalen Forschungseinrichtungen und Fachleuten interdisziplinär untersucht. Über all die Jahre hinweg hat die ägyptische Altertümerverwaltung die Grabung nicht nur genehmigt, sondern auch nachhaltig unterstützt.

Die Publikation der Ergebnisse erfolgt in Form von Vor- und Spezialberichten in verschiedenen Reihen und Zeitschriften. Hauptuntersuchungen erscheinen in einer eigenen Reihe, den „Forschungen in der Ramses-Stadt - Die Grabungen des Pelizaeus-Museums Hildesheim" (Abk.: FoRa, Hrsg. Edgar B. Pusch / Manfred Bietak).

Seit 1980 wurden insgesamt sieben Hauptgrabungsplätze und Sondagen eröffnet, die durchweg überraschende, teils sogar einmalige, Ergebnisse zu Tage brachten. Die wichtigsten davon sollen im Folgenden vorgestellt werden:

Areal Q l: Hethitische Waffen und Bronzeherstellung

Abb. 3 © Ramses-Stadt, Photo Th. Bohse: Hethitisches Schildmodel mit Motiv des Achterschildes
Abb. 4 © Ramses-Stadt, Photo Th. Bohse: Hethitisches Schildmodel eines Trapezschildes
Abb. 5 © National Geographic Magazine, Vol. 179, No. 4, April 1991, p. 16: Treiben der Metallbeschläge für einen Achterschild aus Holz, Leder und Bronze

In den Jahren 1980-1987 wurde zunächst ein Q l getauftes Areal ergraben. Dieses enthielt zwar nicht den ursprünglichen erhofften Palast der Ramessidenzeit, dafür aber eine reichhaltige Stratigraphie, die von der Mitte der 18. Dynastie (um 1500 v. Chr.) über die Ramessidenzeit bis in die Dritte Zwischenzeit (um 1000 v. Chr.) reicht. Dadurch konnte der bisher aus der altägyptischen Literatur erschlossene Besiedlungszeitraum der Stadtanlage sowohl nach unten als auch nach oben erheblich verlängert werden. Die bisher in der Wissenschaft vertretene Ansicht, die Stadtanlage sei unvermittelt am Ende der 20. Dynastie verlassen und die Hauptstadt erneut nach Memphis verlegt worden, hat sich nicht bestätigt.

Die obersten, spät- und nachramessidischen Bauschichten (A-B/1) bestehen aus nur sehr rudimentär erhaltenen Bauresten und Artefakten, die erkennen lassen, dass der Grabungsplatz vor einem oder mehreren Friedhöfen eingenommen wurde. Die Ausdehnung dieses Friedhofsareals lässt auf eine bislang noch nicht entdeckte, ausgedehnte Siedlung schließen und damit auf einen historisch gesehen völlig neuen Sachverhalt.

Die darunterliegende, frühere Bauschicht (B/2) enthält Teile einer Streitwagengarnison mit angegliederten multifunktionalen Werkstätten. Es handelt sich hier um die erste architektonisch nachgewiesene Streitwagenanlage im gesamten Vorderen Orient. Sie besteht aus einem weitläufigem, mit Säulen bestandenen Exerzierhof, der mehrfach umgebaut wurde und enthält zahlreiche Hinweise auf umfangreiche nichtägyptische Aktivitäten innerhalb der Ramses-Stadt.

Die aufregendsten Funde dieser Bauschicht sind steinerne Treibmodeln mit deren Hilfe bronzene Beschläge für hethitische Schilde hergestllt wurden (Abb. 3-5). Weder aus Ägypten, noch aus dem Vorderen Orient sind bislang Parallelen bekannt. Durch diese Modeln wird der Nachweis erbracht, dass in der Ramses-Stadt Hethiter und Ägypter friedlich nebeneinander gelebt haben müssen. Dieser Umstand ist vermutlich als Folge zum Friedensvertrag zwischen den Großmächten Ägypten und Hatti und der diplomatischen Heirat Ramses`II. mit der Tochter des hethitischen Großkönigs Hattusili III. zu verstehen.

Abb. 6 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Importierte Amphore aus der Levante und mykenische Pilgerflaschen 93/0344C
Abb. 7 © RPM, Foto Sh. Shalchi: Türsturz aus der Villa des Ipua-Baal aus Sidon, Handels-Botschafter in Pi-Ramesse, HI 5993

Der Nachweis ausländischer Präsenz wird durch die Auffindung von Keramik aus der Levante, Zypern und Mykene (Abb. 6) noch verstärkt. Ein ganz besonderer Fund war außerdem die Schuppe eines mykenischen Eberzahnhelmes. Aus all diesen Belegen darf auf intensive Kontakte mit den jeweiligen Kulturen geschlossen werden, die wohl über das bisher bekannte Maß hinausgehen. Demzufolge kann man in der Ramses-Stadt die Existenz von ausländischen „Botschaften" oder „Handelsmissionen" vermuten. Gestützt wird diese These auch von einem Türsturz (Abb. 7) im Roemer- und Pelizaeus-Museum, der nicht aus der Grabung stammt und einen Angehörigen der Oberschicht der levantinischen Stadt Sidon namens Ipua-Baal nennt, der eine sicherlich prunkvolle Villa in der Ramses-Stadt besaß, wie zwei in Qantir gefundenen Türpfosten ebendieser erweisen.

Weitere wichtige Entdeckungen standen in Zusammenhang mit den ausgegrabenen Werkstätten, in denen eine Vielzahl technologischer Besonderheiten festgestellt werden konnten, die in dieser Form zum ersten Mal beobachtet wurden. Dazu gehört nicht nur der Nachweis einer hoch arbeitsteiligen Produktionsweise, sondern auch Techniken der Metall- und Knochenverarbeitung, die sonst erst aus der klassischen Antike bekannt geworden sind.

Die nächst ältere Bauschicht (B/3) enthält die größte Anlage zur Bronzeherstellung, die je mit einer so frühen Zeitstellung im Vorderen Orient freigelegt worden ist. Durch diese Entdeckung musste die bisherige vorherrschende wissenschaftliche Auffassung, dass es im pharaonischen Ägypten nur handwerkliche Kleinbetriebe gegeben habe, aufgegeben bzw. modifiziert werden. Denn die Bronzeverarbeitung in der Ramses-Stadt mit einer Mindestausdehnung von ca. 60.000 m² steht beispielhaft für eine straff organisierte Großverarbeitung von industriellen Zuschnitt.

Areal Q lV: Streitwagenplätze und Pferdeställe ihrer Majestät

Abb. 8 © Ramses-Stadt, E.B. Pusch/unimedia, Hildesheim, K.-D. Uhe: QIV, Grundriss der Stallungen mit "Boxen" für je sechs Pferde pro Stallraum, Stratum Bb
Abb. 9 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Schatzfund: Haarringe, Halskette, Gold/Karneol, "Schmuckkästchen", Keramik, 92/1035A-D, Stratum B/a

Auch der zwischen 1988 und 1998 bearbeitete Grabungsplatz Q IV enthielt zahlreiche Befunde, die zu überraschenden neuen Erkenntnissen führten: Unterhalb einer stark zerstörten Besiedlungsschicht des beginnenden 1. Jahrtausends v. Chr. und kaum erhaltenen Friedhöfen wurden ein weitläufiger königlicher Marstall mit einer Ausdehnung von ca. 17.000 m² für mindestens 460 Pferde (Abb. 8) entdeckt, der einer kleineren, früheren Stallung aufliegt. Dieser Marstall wurde später in seiner Funktion umgewidmet, indem er als Wohnraum genutzt wurde. Während einige Räume weiterhin als Stall verwendet wurden, dienten andere als Schlachterei oder reiner Wohnraum, wie die Auffindung eines Hortfundes erweist (Abb. 9). Einmalige „Pferdetoiletten", reichhaltiges inschriftliches Material und andere Funde ermöglichen eine Datierung dieser Anlage in die Zeit der ausgehenden 19. und früheren 20. Dynastie, d.h. der Regierungszeiten der Könige von Sethos II. bis Ramses III. (ca. 1200-1156 v. Chr.)

Abb. 10 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Rubinglas-Barren, teilweise korrodiert, 87/0824
Abb. 11 © Ramses-Stadt, Photo K. Parlow: Tiegelwand, Innenseite mit Altägyptischen Blau, 97/0910,0001

In einer tieferen Schicht konnte die bisher älteste Rohglasherstellung der Welt dingfest gemacht werden. Tiegel, Rohstoffe, Abfälle wie Holzkohlen, unterschiedliche Schlacken, Halbfabrikate und Endprodukte erlauben die Erforschung der Herstellungstechnik und liefern so ein neues Kapitel der Technikgeschichte. Auch die Weiterverarbeitung zu gefärbten Gläsern, insbesondere des opaken, also nicht durchsichtigen Rubinglases (Abb. 10), können verfolgt werden. Eingebunden in diese Hochtemperaturtechnologie von ebenfalls industriellem Zuschnitt ist die Herstellung von sog. Ägyptischem Blau (Abb. 11) sowie ägyptischer Fayence.

Neben weiteren, bisher noch nicht geklärten, architektonischen Strukturen konnte in unterster Lage der Teil eines großräumigen Gebäudes, vielleicht eines Palastes Ramses`II. freigelegt werden. Dieser enthielt überraschende Befunde wie einen Fußboden mit Farbspritzern und Gold, eine vergoldete Holzstatue des Gottes Ptah sowie Beispiele einer reichhaltigen, gut erhaltenen Palastkeramik. Die Zuweisung an Ramses II. ist durch eine Inschrift in primärer Lage gesichert.

Areal Q V: Das "Auswärtige Amt"

Abb. 12 © Ramses-Stadt, Magnetogramm H. Becker, BLfD, 1996: Magnetogramm des potentiellen Auswärtigen Amtes, Grabungsplatz Q V

Ein weiterer Grabungsplatz mit der Bezeichnung Q V wurde 1999 eröffnet. In ihm befindet sich ein weitläufiges Gebäude von über 8.000 m², dessen Grundriss (Abb. 12) mit einer Darstellung des "Auswärtigen Amtes" Ramses`II. im oberägyptischen Grab des „Königlichen Schreibers der Briefe des Herrn der Beiden Länder" namens Tjai (TT 23) verglichen werden kann. Auch diese Anlage hat, wie der Marstall im Grabungsplatz Q IV, einen kleineren, weniger spektakulären Vorläufer. Der Fund eines Models, das ein „Haus (altägyptisch "Per") der Tausret" nennt, könnte darüber hinaus Überlegungen sowohl zum zeitlichen wie zum funktionalen Ansatz auslösen.

Außerdem waren in der ältesten, dritten Bauschicht wie im Grabungsplatz Q IV Werkstätten nachzuweisen, in denen Glas und Ägyptisch Blau hergestellt und wohl auch verarbeitet wurden.

Der Brunnen von Sama'na - Wasser für Ramses ll.

Abb. 13 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Brunnen in Sama'na: Dokumentation der Inschrift Ramses´II
Abb. 14 © Ramses-Stadt, Rekonstruktion: E.B. Pusch/H. Franzmeier/artefacts, Berlin, S. Hageneuer, FoRa 09, Abb. 54, im Druck: Brunnen in Sama'na: idealisierter Schnitt, 2-6 Keramik-Filter-Schichten, C-Nilton, D-Baugrube

Untersuchungen fanden auch im 1,5 km entfernten Sama'na in den Jahren 2000/2001 statt, wo der Ägyptologe Labib Habachi zu Beginn der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts einen Brunnen Ramses`II. aufgedeckt hatte (Abb. 13). Der in einem engen Innenhof liegende Brunnen konnte vollständig gereinigt und reichhaltige Keramik geborgen werden. Er wurde in einer offenen Baugrube, deren Grenzen unterhalb der rezenten Gebäude liegen, aus Talatat (Blöcke von Tempeln und Palästen) Amenophis`IV erbaut. Die Gesamttiefe beträgt ca. 8,50 m und reicht bis 1,50 m unter den aktuellen Grundwasserspiegel (Abb. 14).

Areal Q VI: Sondage an einem Tempel

Abb. 15 © Ramses-Stadt, Magnetogramm H. Becker/J. Fassbinder, BLfD, 1997: Magnetogramm in Qantir-Nord: Tempel und weitere sakrale Gebäude mit Grabungsplatz Q VI (rot)

Spezialuntersuchungen zur Interpretation der magnetischen Messungen wurden 2001 als Grabungsplatz Q VI am Tell Abu el-Shaf'ei vorgenommen, in dem durch die Prospektion ein Tempel (Abb. 15) und weitere, vermutlich sakrale Gebäude festgestellt werden konnten. Da das Gebäude nur in seinen Fundamenten knapp und unterhalb des ältesten Fußbodens erhalten ist, konnte kein funktionales Fundgut geborgen und somit auch keine gesicherte Gebäudefunktion ermittelt werden.

Areal Q Vll: Eine Freitreppe und der Zipfel des königlichen Archives

Abb. 16 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Grabungsplatz Q VII: Vorhof und Freitreppe zu einem Zeremonial-Gebäude
Abb. 17 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Keilschrifttafel-Fragment, 5,0 x 5,0 cm, gebrannte Keramik 03/0260; daneben potentielle Griffel, Knochen

Der 2002 begonnene Grabungsplatz Q Vll enthält u.a. ein repräsentatives, auf einer Plattform errichtetes Gebäude mit einer Grundfläche von ca. 45 x 35 m, deren Architektur rein ägyptischen Standards entspricht. Der besondere Reiz der Anlage basiert nicht nur auf seiner erhöhten Lage, sondern auch auf seiner Umfassungsmauer mit Veranden, dem weitläufigen Hof mit gut erhaltenen Fußböden, der zweizügigen zentralen Freitreppe (Abb. 16) und dem zentral gelegenen Säulensaal mit symmetrisch angeordneten Räumen. Der Türsturz eines Einganges war zwar verstürzt, konnte aber trotzdem vollständig geborgen werden. Im Rahmen einer Kooperation mit der Hildesheimer Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) wurde er von Dipl. Rest. Fabian Belter vollständig restauriert, so dass er heute wieder in alter Pracht den Namen Ramses`II. nennt.

Während Fußböden innerhalb des Gebäudes nur äußert rudimentär erhalten sind, konnte aus einer gestörten Schicht das Fragment einer Keilschrifttafel geborgen werden, die zur diplomatischen Korrespondenz Ramses`II. mit dem hethitischen Königshof gehört (Abb. 17). Von den insgesamt elf Zeilen des stark verwitterten Täfelchens sind nur acht entzifferbar. Diese weisen Bezüge zum Friedensvertrag zwischen den Herrscherhäusern auf, nach dem Ramses´II. den Sohn von Hattusili III. bei eventuellen Wirren im Zuge der Thronfolge gegen innerhethitische Widersacher auch militärisch unterstützten sollte. Das Fragment scheint mit dem Vollzug dieses Paragraphen in Verbindung zu stehen. Als erstes innerägyptisches Gegenstück zum diplomatischen Archiv der Hethiter aus Boghazköy-Hattusa, ist es gleichzeitig ein Bruchstück des diplomatischen Archivs der Ramessiden und der erste stratigraphisch gesicherte Keilschrifttafelfund in Ägypten, seit dem Fund der sog. Amarna-Korrespondenz im Jahr 1888/89.

Weiterhin lieferte der Grabungsplatz Hinweise auf den Ablauf des Abbruchs der Ramsesstadt. Ein Ofen, der wohl zum Brennen von Kalk genutzt wurde, konnte anhand der Keramik in die frühe Dritte Zwischenzeit (ca. 1.050-950 v. Chr.) datiert werden. Damit liegt es nahe, diesen mit den Abbruchsarbeiten im Zuge der Verlegung der Residenz nach Tanis in Verbindung zu bringen. Für Bauarbeiten unbrauchbar gewordenes Kalksteinmaterial wurde vor Ort gebrannt, um zu Kalk verarbeitet zu werden.

Die magnetische Prospektion: Eine Stadt wird sichtbar

Abb. 18 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Montage und Bildschirm-Interpretation der Magnetogramme, 2003
Abb. 19 © Ramses-Stadt, Photo A. Krause: Magnetische Prospektion: H. Becker scannt den Bereich Qantir-Süd

Zwischen 1996 und 2012 wurden magnetische Prospektionen in Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Landesamt für Denkmalpflege, München, (BLfD) durch Helmut Becker, Jörg Fassbinder und Christian Schweitzer durchgeführt. Innerhalb einer Gesamtfläche von ca. 2 km² lassen sich auf deren Basis mehrere Wohn- und Villenviertel mit Straßen, Plätzen und baumbepflanzten Alleen, Palast- und Verwaltungskomplexe, ein potentieller Hafen, Tempel und Teile eines Friedhofes interpretieren. Die Auflösung der Daten geht dabei so weit, dass nicht nur Raumsequnzen, sondern auch einzelne Säulenfundamente, Pflanzgruben für Bäume und Sträucher, Türen und Tore, vereinzelt sogar Bettnischen in den Schlafräumen zu erkennen sind. Punktuell lassen sich auch entwicklungsgeschichtliche Aspekte ermitteln, z.B. wenn Mauern einander überschneiden oder ein Haus ein anderes teilweise überdeckt. Dass die prospektierte Fläche in erster Linie einen erheblichen Beitrag zur Erforschung der Struktur der Ramses-Stadt leistet steht außer Frage: Hier kommen die spezifischen Gegebenheiten des Siedlungsgrundes im Nil-Delta zum Tragen, die zu anderen städtebaulichen Lösungen als im engen Nil-Tal führten. Bemerkenswert ist die Insellage des vermutlichen Stadtzentrums und die daraus resultierende Anordnung und Orientierung der baulichen Einheiten.

Die Stratigraphie übergreifenden Ergebnisse der einzelnen Grabungsplätze in Kombination mit den magnetischen Messungen offenbaren, dass alle früheren Rekonstruktionen zur Struktur der Ramses-Stadt keinen oder nur einen extrem begrenzten Bestand haben.

Areal Q Vlll: Bunte Überraschungen und ein Palast

Abb. 20: Ausschnitt aus den Ergebnissen der magnetischen Messungen, der den Gebäudekomplex zeigt, der derzeit untersucht wird. Aufnahme: © H. Becker
Abb. 21: Blick von Süden über das angemietete Areal. Insbesondere auf der linken Seite wird die Bedrohung durch moderne Bebauung unmittelbar deutlich. Foto © Ramses-Stadt, Henning Franzmeier

Die Grabungen des Roemer- und Pelizaeus- Museums Hildesheim in der Ramsesstadt, die neuerdings in Kooperation mit der Humboldt Universität zu Berlin unternommen werden, waren schon in der Vergangenheit immer wieder für Überraschungen gut. So auch in den beiden Kampagnen Im Herbst 2016 und 2017. Dabei wurde an einem Grabungsplatz gearbeitet, der auf der Basis der Ergebnisse der umfangreichen magnetischen Messungen ausgewählt worden war, die insbesondere Helmut Becker und Jörg Fassbinder (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) zwischen 1996 und 2012 durchführten. Zum ersten Mal wird hier ein monumentales Gebäude der Ramsesstadt in den Blick genommen. Der Grundriss des dort in den Ergebnissen der Messungen sichtbaren Gebäudekomplexes, enthält sowohl Elemente, die an einen Palast erinnern, als auch solche, die an einen Tempel denken lassen (Abb. 20). Als Ziel der Grabung ist so insbesondere die Bestimmung der Funktion des Gebäudes definiert. Weiterhin sollen Datierung und Nutzungsgeschichte des Areals unter die Lupe genommen werden. Die Lage in unmittelbarer Nähe des modernen Dorfes Qantir bringt darüber hinaus eine Gefährdung durch Überbauung mit sich und unterstreicht die Notwendigkeit der Arbeiten (Abb.21).

Die in den Jahren 2016 und 2017 durchgeführten Grabungen sollten der Verifikation der Ergebnisse der magnetischen Messungen dienen und erste Aufschlüsse über die Stratigrafie ermöglichen. Dazu wurden insgesamt vier kleine Flächen mit einer Ausdehnung von ca. 250 m2 geöffnet. Diese sind an Punkten lokalisiert, an denen die magnetischen Messungen interessante Strukturen aufweisen. Es zeigte sich sehr schnell, dass an

Abb. 22: Fayencemodel aus der Grube. In der zweiten Reihe von rechts sind Model mit dem Namen des Merenptah zu erkennen. Foto: © Ramses-Stadt, Robert Stetefeld

keinem der gewählten Grabungsschnitte Schichten erhalten sind, die später als an das Ende der 19. oder den Beginn der 20. Dynastie datieren. Ob dies durch eine Abtragung höher gelegener Schichten oder die Nichtexistenz späterer Nutzungen des Areals zu erklären ist, ist beim derzeitigen Stand der Arbeiten nicht zu beantworten. Einer der Grabungsschnitte wurde direkt am Rand der modernen Bebauung angelegt und sollte zur Klärung eines Mauerzuges dienen. Dieser wurde in einer Tiefe von ca. 1 m auch erreicht. Darüber lag jedoch eine Grube, die Produktionsabfälle einer Schmuckwerkstatt enthielt. Unter den Funden waren zahlreiche Halbedelsteinsplitter und Bohrkerne sowie Model zur Herstellung kleiner Objekte aus Fayence. Neben dieser interessanten Kombination, die die enge Nähe der Herstellung von Schmuck aus Fayence und Halbedelsteinen zeigt, bieten die Fayencemodel auch einen Anhaltspunkt für die Datierung. Fünf Model, die mit der gleichen Patrize gefertigt wurden, dienten der Herstellung von kleinen Plättchen mit dem Namen des Merenptah (Abb. 22). Es kann plausibel angenommen werden, dass Objekte mit dem Namen des Merenptah nicht lang nach dem Tod dieses Pharaos angefertigt wurden. Gleichzeitig spricht aufgrund des Fundzusammenhanges nichts dafür, dass dieses Material nach seiner Entsorgung nochmals umgelagert wurde. Somit ist anzunehmen, dass die Mauer, die zu den konstitutiven Elementen des Gebäudekomplexes gehört, in der Zeit des Merenptah oder wenig später niedergelegt wurde und sich in der Nähe der Werkstätten befand. Aufgrund der geringen Größe des Schnittes kann jedoch nichts über die Gebäude der Umgebung ausgesagt werden.

Abb. 23: Orthofoto des Beckens. Fotos und Bearbeitung: © Ramses-Stadt, Frank Stremke
Abb. 24: Bemalte Putzfragmente aus der Verfüllung des Beckens. Foto: © Ramses-Stadt, Robert Stetefeld
Abb. 25: Plakette Ramses II.; FZN 17/0138 Foto: © Ramses-Stadt, Robert Stetefeld

Die größte zusammenhängende Fläche wurde etwa 50 m südlich in einem Bereich angelegt, der in den magnetischen Messungen als Eingangsbereich interpretiert wurde. Es kann vorweggenommen werden, dass sich dies bislang nicht bestätigte. Stattdessen wurde unterhalb einer späteren Bebauung bislang ungeklärter Ausmaße, eine Ecke einer Struktur freigelegt, bei der es sich vermutlich um ein Becken handelt. Dieses war mit einem hellen Putz ausgekleidet und bis in eine Tiefe von maximal 40 cm erhalten. In dem ansonsten sehr homogenen Füllmaterial befanden sich mehrere Schüttungen aus Putzfragmenten. Diese stellen die bislang größte Überraschung des Grabungsplatzes dar, handelt es sich doch um einen Kalkputz, der mit polychromer Malerei dekoriert war (Abb. 24). Im Zuge der Bergung und der ersten Bearbeitung durch Mitarbeiterinnen und Studierende der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim (HAWK) konnte bereits nachgewiesen werden, dass es sich um zum Teil als Fresko aufgebrachte Malerei handelt. Aufgrund der zumeist kleinteiligen Fragmentierung konnten bislang keinerlei Motive identifiziert werden. Bei diesem Fund handelt es sich um den ersten Rest einer solchen Ausmalung, der bislang in der Ramsesstadt gefunden worden ist.

In einer Ecke des Beckens wurde zu einem späteren Zeitpunkt eine Grube zum Anmischen von Mörtel eingefügt. Diese brachte eine weitere Überraschung mit sich, waren doch in dem aus Mörtel bestehenden Grubenboden Fußspuren erhalten, die aufgrund ihrer geringen Größe die Anwesenheit von Kindern auf der Baustelle belegen, ohne dass sich jedoch aussagen lässt, ob diese dort bereits arbeiten mussten. Die Keramik und die anderen Funde lassen eine Datierung sowohl des Beckens und auch der Verfüllung in die Zeit Ramses II. und spätere 19. Dynastie zu. Von besonderem Interesse ist der Fund einer kartuschenförmigen Plakette mit dem Namen Ramses II., die ihre engsten Parallelen in Stücken aus Gründungsgruben besitzt (Abb. 25). Zwar wurde sie nicht in primärer Lage, also in einer Gründungsgrube, entdeckt, doch mag sie darauf hinweisen, dass sich eine solche in der näheren Umgebung befand.

Abb. 26: Säulenbasisfundamentgrube im Profil. Erkennbar sind zwischen Sand und Ackerboden Kalksteinsplitter, die möglicherweise von der Säulenbasis stammen. Foto: © Ramses-Stadt, Robert Stetefeld

Etwa 15 m nördlich dieser Befunde, die die Reste der Malereien erbrachten, wurde ein weiterer Schnitt angelegt. Dieser widmete sich sich einer Fläche, in der sich in der Magnetik eine Säulenstellung abzeichnete. Tatsächlich wurden hier auch vier Säulenbasisfundamentgruben erfasst (Abb. 26); Reste der Säulen selbst jedoch fehlten und es ließen sich lediglich Ausrissgruben nachweisen, die aus der Zeit stammten, als diese niedergelegt wurden. Weiterhin zeigte sich, dass nicht einmal mehr die den Säulen zugehörigen Fußböden erhalten waren. Vielmehr handelte es sich bei dem Material in den Bereichen zwischen den Fundamentgruben um eine Planierschicht. Diese war jedoch sehr fundreich und erbrachte unter anderem einige mykenische Keramik. Eine Datierung der Planierschicht in die Zeit Ramses II. ist wahrscheinlich.

Insgesamt weisen die bislang dokumentierten Funde und Befunde definitiv auf einen königlichen Gebäudekomplex, der vermutlich in die Regierungszeit Ramses II. datiert und der definitiv schon unter Merenptah deutlich verändert wurde. Spätere Bauphasen können bislang kaum klar erfasst werden. Die Funktion muss noch unbekannt bleiben, wobei jedoch eine Tendenz zu einem palatialen Gebäude vorhanden ist.

In den kommenden Jahren ist geplant, den monumentalen Gebäudekomplex umfassend auszugraben und Teile aller seiner Elemente archäologisch zu erfassen. Dabei wird sich hoffentlich die Funktion klären lassen, eine Frage, die aufgrund der bisherigen Funde und Befunde einige Spannung aufkommen lässt. Darüber hinaus ist zu hoffen, dass sich die Darstellungen und der Kontext der Malereien identifizieren und somit deuten lassen.

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