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175 Jahre Museum in Hildesheim
Ein Blick auf die Anfänge und das "Ägyptische Zimmer"

Abb. 1: Hermann Roemer (1816-1894).© Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim
Abb. 2: Bildostrakon PM 3988: Geschenk A. Dux 1894.
Abb. 3: Mumienbildnis aus Stuck, röm. Zeit PM 1593: Geschenk W. Pelizaeus 1895. © Roemer- und Pelizaeus- Museum, Hildesheim© Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim
Abb. 4: Schiffsmodell, Mittleres Reich PM 1696: Geschenk W. Pelizaeus 1896.© Roemer- und Pelizaeus- Museum, Hildesheim

Am 29. Juli 1844 brach die Moderne mit der industriellen Revolution über das beschauliche Städtchen an der Innerste herein: An diesem Tag begann der Bau des ersten Bahnhofs für die Eisenbahn, worüber die Zeitungen ausführlich berichteten. Von Presse und Öffentlichkeit unbemerkt kam es am selben Tag zu einem weiteren Ereignis mit nachhaltiger Wirkung, welches nun aber das kulturelle Leben der Stadt für immer veränderte.

Fünf angesehene Bürger trafen sich, um nach gründlicher Vorbereitung einen Verein zu gründen, dessen expliziter Zweck es sein sollte, für Hildesheim erstmals ein Museum einzurichten. Der Jüngste in dieser Runde war Hermann Roemer (1816-1894), Jurist von Beruf, Geologe aus Leidenschaft, umfassend gebildet und an allem, was Natur und Kultur ausmacht, lebhaft interessiert. Ihn vereinte mit den anderen Gründervätern die Sorge, dass angesichts des rasanten Fortschritts in Technik und Wirtschaft die Zeugnisse der Vergangenheit und das Wissen um sie verloren gehen könnten. Sie erlebten vor Ort, wie wertvolle Fachwerk-Architektur zugunsten "moderner" Häuser weichen musste, romanische und gotische Kirchen verfielen. Die Michaeliskirche, säkularisiert in napoleonischer Zeit, stand kurz vor dem Abriss, was Roemer als "Rechtskundiger Senator" des Magistrats in den 1850er Jahren verhinderte - heute ist St. Michael UNESCO-Weltkulturerbe. Auch fiel ihnen der Mangel an allgemeinem und vor allem naturkundlichem Wissen auf, in dessen Folge die Bevölkerung den enormen Wandel ihrer Lebenswelt nicht nachvollziehen konnte. Daher konzipierten die Gründer das Museum von vornherein als Lernort und Bildungsforum für jedermann, was ganz dem Geist der Zeit, in der sich das Bürgertum zu emanzipieren begann, entsprach. Das Museum, das so entstand und heute noch als Roemer- und Pelizaeus-Museum (RPM) besteht, war damit eine der ältesten rein bürgerlichen Museumsgründungen Deutschlands. Träger war bis 1911 der Verein, dann übernahm die Stadt die Verantwortung für das Museum.

Roemer und seine Freunde nannten ihren Verein programmatisch "Verein für Kunde der Natur und der Kunst", wobei sie unter "Natur" alles natürlich Entstandene und unter "Kunst" alles von Menschen Geschaffene verstanden. Sie strebten mit dem Museum also sehr ambitioniert eine Gesamtdarstellung der Welt an, sozusagen vom Urknall bis in die Gegenwart, in der sie lebten. Der Verein existiert noch heute unter dem Namen "Hildesheimer Museumsverein von 1844" und fördert mit seinen rund 1 000 Mitgliedern in vielfältiger Weise die Arbeit des RPM.Der erste Jahresbericht des Vereins erschien 1845 und verzeichnete stolz die stattliche Anzahl (175) der ersten Mitglieder sowie zahlreiche Geschenke und Spenden. Am Domhof, nur einen Katzensprung vom heutigen Standort des RPM entfernt, hatte man bereits zwei Zimmer in einer Domkurie angemietet und mit Schränken ausgestattet, in denen die ersten Bestände Platz fanden: Ihre Auflistung liest sich in den ersten Jahren wie ein buntes Sammelsurium aus toten Tieren, Vogeleiern, Fossilien, Münzen aller Zeiten und Länder, alten Büchern, Mineralien, Insekten, Pflanzen und altem Hausrat. Doch bereits im ersten Jahr stifteten Roemer und sein Onkel Hermann Adolf Lüntzel (1799-1850), ebenfalls Jurist, dazu Poli- tiker, Historiker und Mitgründer des Ver- eins, geordnete Objektgruppen aus eigenem Besitz: "10 Oelgemälde, eine Mineralien-, eine Münz-Sammlung, einen Kupferstich, Hakenbüchse, Ofenplatte, Grab-Urne, geschnitzte Stammtafel, Versteinerungen" führt der Bericht für Lüntzel auf, für Roemer "325 Arten Conchylien, Käfer in 20 Kasten, Mineralien, Alt-Römische Münzen, 48 Crustaceen, fossile Zähne, Knochen-Breccie, Marmor-Arten von Alt-Römischen Gebäuden, eine Sammlung Versteinerungen".

Diese frühen Geschenke deuten bereits auf die Abteilungen des Museums hin, die noch heute bestehen: die Naturkunde mit Geologie, Mineralogie, Palaeontologie, Zoologie und Botanik einerseits, die "Kunstsammlungen" mit Münzen, Kunst und Kunstgewerbe, Archäologie und Stadtgeschichte andererseits. Schon in den 1850er Jahren erreichten auch erste völkerkundliche Objekte das Museum.Die Tätigkeitsberichte des Vereins sind neben den Vereinsakten die Hauptquelle unseres Wissens über Entstehung und frühe Entwicklung des "Städtischen Museums". Die Verzeichnisse der Mitglieder verraten, dass alle bedeutenden und einflussreichenFamilien vertreten waren, darunter viele Beamte von Stadt und Land, Lehrer und Geistliche, aber auch Handwerker und Kaufleute. Eigentlich war es eine reine Männergesellschaft, nur ganz selten taucht einmal der Name einer Frau im Verzeichnis auf, ein Spiegel der damaligen sozialen Ordnung. Schon 1845 gehörte übrigens Dr. jur. Clemens Pelizaeus (1810-1880) zum Kreis der Mitglieder, der Vater von Wilhelm Pelizaeus (1851-1930), dem Stifter des Pelizaeus- Museums.

Natürlich war das erste Domizil der Sammlungen schnell überfüllt und zudem nur sonntags zwei Stunden öffentlich zugänglich, erfreute sich aber eines so regen Zuspruchs, dass sich Roemer und seine Mitstreiter sehr ermutigt fühlten. Sie erwarben daher 1856 die von ihrer Gemeinde aufgegebene Martinikirche nebst ihren Klostergebäuden und ließen die Kirche für Museumszwecke umbauen. 1859 war Eröffnung, das neue Gebäude fand großen Anklang - und regte zu vielen weiteren Geschenken an, so dass bald mehr Ausstellungsraum benötigt wurde. Im Laufe der Jahre wurden die Klostergebäude einbezogen, einige Flügel angebaut und schließlich 1886/87 ein neues Eingangsgebäude errichtet, das erstmals einen systematischen Rundgang durch die Kunstsammlungen und anschließend durch die Naturkunde-Abteilungen ermöglichte. Hermann Roemer war längst zur treibenden Kraft hinter der Museumsbewegung in Hildesheim geworden und lenkte ab 1862 bis zu seinem Tod die Geschicke der Institution als Direktor und als Vereinsvorsitzender. Das Ordnen und Präsentieren der Bestände erfolgte durch Ehrenamtliche, v. a. Lehrer. Roemers Ziel, ein "Weltmuseum" zu schaffen, das der Gegenwart als "Schule der Anschauung" dienen sollte, erreichte er u. a. mit wiederholten Aufrufen an die Mitglieder und an alle ehemaligen Schüler des Andreanums und Josephinums, der beiden Elitegymnasien seiner Zeit. Letztendlich verdankt Hildesheim so bedeutende Sammlungen wie das chinesische Porzellan (Ernst Ohlmer, 1847-1927) und die Ägyptensammlung (Wilhelm Pelizaeus) solchen Hildesheimern, die in die weite Welt hinauszogen und in ihrem Beruf Erfolg hatten.

Hermann Roemer erfüllte sich 1870 einen Jugendtraum und reiste nach Ägypten, in das "Wunderland am Nil"; begeistert von seinen Erlebnissen und mit einer großen Anzahl Kisten voller Gesammeltem und Gekauftem kehrte er zurück und beschloss, ein "Ägyptisches Zimmer" einzurichten. Längst hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Europas Kultur nicht nur auf dem antiken Griechenland und Rom fußte, sondern noch ältere Kulturen entscheidenden Einfluss auf die klassische Antike ausgeübt hatten und für das Verständnis der Entwicklung notwendig waren. Die pharaonische Hochkultur wollte er daher als ein Kapitel seines Weltmuseums präsentieren. Es dauerte jedoch noch bis 1887, bevor er das Ägyptische Zimmer einrichten konnte, als nämlich durch den neuen Eingangsbau genügend Raum dafür geschaffen war. Unterstützung fand er von Anfang an bei Wilhelm Pelizaeus, der seit 1879 in den Vereinsberichten mit kleinen Gaben vertreten ist. 1885 schenkte er dem Museum die Mumie des Anch-hapi nebst Sarg, was Roemer dazu anregte, bei ihm eine weitere Mumie "so gut wie die im Berliner Museum" zu bestellen. Die Erwerbung glückte 1886. Pelizaeus' Briefe an Roemer informieren uns über alle Einzelheiten. So kam die Mumie des Penju mit ihren zwei Särgen nach Hildesheim; für lange Jahre bildeten Anch- hapi und Penju das Zentrum der noch sehr kleinen ägyptischen Sammlung, doch diese wuchs beständig durch Geschenke weiter an. Vor allem Pelizaeus, der jetzt Karriere machte in der Industrialisierung Ägyptens beim Bau von Eisenbahnlinien, Wasser- und Elektrizitätswerken, zeigte sich großzügig und gab immer wieder schöne Objekte an Hildesheim ab, obwohl er gleichzeitig eine eigene Sammlung in Kairo aufbaute.

Eine erhebliche Erweiterung erfuhr das Ägyptische Zimmer 1894 und 1899, als der Hildesheimer Bankier August Dux(1849-1902) auf Vermittlung seines Neffen Wilhelm Spiegelberg (1870-1930), Ägyptologe in Straßburg, zahlreiche Objekte aus dem Nachlass des Ägyptologen Johannes Dümichen (1833-1894) und aus den Ankäufen Spiegelbergs erwarb, um sie dem Museum zu stiften. Dieses hieß nun seit Hermann Roemers Tod Anfang 1894 zu seinen Ehren "Roemer-Museum"; bei Eröffnung des Pelizaeus-Museums 1911 wurden die Objekte des Ägyptischen Zimmers dorthin überführt. Die beiden Mumien und viele andere Objekte fanden bereits in der ersten Aufstellung ihren Platz im neuen Museum und belegen die Sammlungskontinuität von Roemer über Pelizaeus bis in unsere Gegenwart. Das Ägyptische Zimmer lässt sich fast ganz rekonstruieren dank der Vereinsberichte, der frühen Pelizaeus-Briefe und anderer Archivalien, die sich heute im Stadtarchiv Hildesheim befinden.

Zuletzt bestand es aus rund 200 Objekten, die alles umfassten, was man im 19. und frühen 20. Jh. für "typisch ägyptisch" hielt: Mumien und Särge, Uschebtis und Skarabäen, mumifizierte Tiere,Götterbronzen sowie Schmuck und Amulette aus Fayence, Stuck- und Kartonagemasken und ein Mumienporträt auf Holz. Das Ägyptische Zimmer wird im Bericht von 1895 als didaktisch durchdachte Darstellung mit Fotos und Plänen an den Wänden sowie Textkärtchen zu den Objekten geschildert, ergänzt um einige Gipsabformungen bedeutender Statuen (Chefren mit dem Falken) und Reliefs. Kein Wunder, dass dieser Saal II im Erdgeschoss des Eingangsbaus so beliebt war.

Schade nur, dass Hermann Roemer das Pelizaeus-Museum nicht mehr erlebt hat - er hätte seine helle Freude an dieser Schatzkammer aus seinem "Wunderland am Nil" gehabt!

Dr. Bettina Schmitz, (Curatora emerita des Pelizaeus-Museums), Hildesheim

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