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Das Statuenfragment PM 5583: eine archäologische Spurenlese

Abb. 1. Fragment der Würfelstatue eines unbekannten Priesters, PM 5583. © RPM. Foto: Sh. Shalchi.
Abb. 2. Würfelstatue des Amunpropheten Nes-pa-her-en-ta-hat, Kairo CG 42189. Dritte Zwischenzeit, 22. Dynastie, Zeit Osorkons I. (reg. 922 - ca. 888 v. Chr.). © Ägyptisches Museum Kairo. Foto: H. Brandl.
Abb. 3. Gegenüberstellung: Kopf des Statuenfragments Hildesheim, PM 5583, und Kopf der Statue des Nes-pa-her-en-ta-hat, Kairo CG 42189 © Ägyptisches Museum Kairo/ RPM. Foto: Sh. Shalchi/ H. Brandl.

Ägyptologen sind auf das Alte Ägypten spezialisierte Archäologen, die im Rahmen von Ausgrabungen so faszinierende Objekte bergen, wie wir sie in den Museen dieser Welt bewundern. Diese relativ verbreitete Auffassung führt manchmal dazu, dass man glauben könnte, alle Museumsexponate würden aus kontrollierten Ausgrabungen stammen. Zum Leidwesen nicht nur der Ägyptologen trifft dies jedoch nicht zu. Selbst das Ägyptische Museum in Kairo stellt zahlreiche Objekte aus, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert käuflich erworben wurden und deren Herkunft leider unbekannt ist. Bei den ägyptischen Museen außerhalb Ägyptens ist das sogar meistens der Fall. Sie gehen oft auf private Initiativen und Sammlungen zurück, wie bei den Hildesheimer Bürgern Herrmann Roemer (*1816 bis †1894) und natürlich Wilhelm Pelizaeus (*1851 bis †1930), die ihre nach und nach museal aufbereiteten Sammlungen der Allgemeinheit zur Verfügung stellten um, wie man es damals ausdrückte, die "Volksbildung" zu fördern.

Ab den 1870er Jahren erwarb der zunehmend vermögende Wilhelm Pelizaeus zahlreiche antike Objekte in Ägypten und baute eine Privatsammlung auf. Erst seit 1903 waren darunter auch regulär ausgegrabene Antiken, die er durch gesetzlich geregelte Fundtteilung aus den von ihm teilfinanzierten Grabungen in Giza erhielt. Dazu gehören bedeutende Skulpturen und Reliefs aus der Zeit des Alten Reiches (26. bis 22. Jh. v. Chr.), wie die lebensgroße Statue des Hem-Iunu und die reliefgeschmückte Kultkammer des Uhem-ka (ausgestellt im 2. OG des RMP). Den größeren Teil seiner Sammlung kaufte Pelizaeus jedoch bei in Ägypten ansässigen Antikenhändlern, was zu seiner Zeit üblich und - nach dem ägyptischen Gesetz Nr. 117/1983 - noch bis 1983 möglich war. Im Sinne seines Stifters Pelizaeus erweitert das RPM auch heute noch seine Sammlung mit antiken Objekten, die das "Leben am Nil" vor Jahrtausenden veranschaulichen können. Im Bewusstsein ethisch-verantwortlichen Handelns kann es sich dabei aber nur um Objekte handeln, die nachweislich bereits vor 1983 rechtmäßig in Privatbesitz außerhalb Ägyptens waren und den Richtlinien der UNESCO-Konvention von 1970 gegen den illegalen Handel von Kulturgütern entsprechen. Eine solche Erwerbung gelang dem damaligen Pelizaeus-Museum just 1983, als ein 29 cm hohes Statuenfragment aus Rosengranit im europäischen Kunsthandel angeboten wurde (PM 5583, Abb. 1). Es gehört zu einer sogenannten "kuboiden" Statue, d. h. einer stilisierten Skulptur, die einen Würdenträger - aber nie einen Pharao! - auf einer quaderförmigen Basis hockend zeigt, wobei dessen Körper abstrahierend, in annähernder Würfelform, ausgearbeitet ist. Auf Französisch nennt man solche "Kuboide" statues-cube, auf Italienisch statue-cubo und auf Englisch block statues. Im Deutschen werden sie traditionell auch "Würfelhocker" bzw. "Würfelstatue" genannt.

Bei dem Hildesheimer Fragment einer derartigen Statue hat sich leider nur der mit einer schulterlangen Strähnenperücke bedeckte Kopf nebst einem Teil des rechten Oberarms und des flachen, breiten Rückenpfeilers erhalten. Dort befinden sich überdies Reste einer hieroglyphischen Inschrift, die thebanische Priestertitel und Opferformeln für den Gottes Amun-Re enthält, aber leider nicht mehr den Namen des Dargestellten.

Aufgrund seiner Ikonographie, d. h. der Perückenform in Verbindung mit der dichten Beschriftung des Körpers, und nicht zuletzt auch wegen der idealisierend "schönen" Gesichtszüge lässt sich unser Fragment der Periode der Dritten Zwischenzeit (21. bis 24./25. Dynastie, 11. bis 8. Jh. v. Chr.) zuordnen, in der vor allem im Amun-Re-Tempel von Karnak (Theben) zahlreiche Würfelstatuen aufgestellt wurden. Konkret kann man es in die 22. Dynastie datieren, da in der 21. Dynastie keine solchen Skulpturen geschaffen wurden und die 23. und 24. Dynastie nur über das Nildelta herrschten. Die Gleichzeitigkeit von mehreren Dynastien, die jeweils nur über Teile des Landes Macht ausübten, ist ein Kennzeichen der drei altägyptischen Zwischenzeiten.

Die äußere Gestalt der Kuboide bzw. Würfelstatuen aus der Dritten Zwischenzeit orientiert sich meist an Vorbildern aus der Thutmosidenzeit (18. Dynastie, 16./15. Jh. v. Chr.), wohingegen der Darstellungstyp selbst älter ist und auf das Mittlere Reich zurückgeht (frühe 12. Dynastie, um 1900 v. Chr.). Die "strenge" Perückenform verweist noch auf Vorlagen aus dieser frühen Periode, als kuboide Statuen noch in Gräbern und Tempeln aufgestellt wurden. Seit der zweiten Hälfte des Neuen Reiches (19.-20. Dynastie), als aufwändige Löckchen- und Zöpfchen-Perücken modisch waren, wurden einfache Haartrachten nur noch historisierend dargestellt. In der 22. Dynastie wurden Kuboide zudem nur noch in großen Göttertempeln, entlang der internen Prozessionswege der Priester, aufgestellt. Die hockende Körperhaltung, meist mit demutsvoll gekreuzten Unterarmen, versinnbildlicht in dieser Zeit das stille Erwarten der täglichen Opferprozessionen und die erhoffte Teilhabe der (zum Zeitpunkt der Aufstellung meist schon verstorbenen) Statuenbesitzer an diesen Opfern.

Im Jahr 1904 ereignete sich in Karnak eine archäologische Sensation. Der französische Ägyptologe Georges Legrain (*1865 - †1917) entdeckte bei seinen Grabungen in einem Tempelhof eine große Gruppe von Skulpturen, zu der neben über 800 steinernen Statuen von Königen, Priestern und Verwaltungsbeamten auch Tausende von Bronzefiguren von Gottheiten und sogar aus Holz geschnitzte Bildwerke gehörten. Sie waren, wohl in der römischen Kaiserzeit, im Karnak-Tempel abgeräumt und gleich vor Ort, in eine bis tief ins Grundwasser reichenden Grube gelegt worden. Dieser Jahrhundertfund, der unter dem Begriff Cachette ("Statuenversteck") Berühmtheit erlangen sollte, war möglich, weil der Karnak-Tempel in der Römerzeit vollgestellt war mit teils uralten Statuen, deren Kult nicht mehr bedient wurde. Um Platz zu schaffen, wurden sie abgeräumt und, pietätvoll, im Boden des Tempels rituell "bestattet". Es waren jedoch so viele und ihre Bergung dauerte so lange, dass der Ausgräber es nicht verhindern konnte, dass eine Anzahl dieser Kunstwerke "auf unregelmäßigen Weg" - und leider auch ohne vorherige Dokumentation - den Grabungsplatz verließen, vulgo: gestohlen und unter der Hand verkauft wurden. Nach seinem Stil könnte das Hildesheimer Fragment durchaus zu den Cachette-Statuen der Dritten Zwischenzeit ohne dokumentierte Provenienz gehören. Doch, bedeutet dies etwa: Hehlerware im RPM?!

Ich kann Sie diesbezüglich beruhigen: Die auffälligen Beschädigungen unserer Skulptur machen es unwahrscheinlich, dass sie aus der Cachette stammt. Die Cachette-Statuen gelangten nämlich üblicherweise direkt von ihrem antiken Aufstellungsort im Tempel ohne absichtliche Beschädigungen in die Grube. Das Hildesheimer Fragment weist jedoch typische Beschädigungen auf, die auf einen anderen Zusammenhang schließen lassen. Kuboide Statuen sind recht kompakt und in den Proportionen bzw. dem harten Rosengranit des Hildesheimer Fragmentes durchaus robust. Sie können kaum "umfallen", weil sie nicht hoch sind und sich ihre breiteste Stelle an der Basis befindet. Wegen der Breite der Perücke ist zudem der Halsbereich bei ihnen keine charakteristische Bruchstelle.

Wenn von solchen Statuen nur ein Fragment mit dem Kopf die Zeit überdauert, dann wurden sie in der Regel absichtlich "enthauptet". So etwas geschah - schon im Altertum, aber auch noch später - um den verbleibenden, quaderförmigen Körperblock als Baumaterial, etwa für eine Mauer oder auch zur Fundamentierung eines Bauwerks zu verwenden. Die Beschädigungen des Hildesheimer Bruchstücks an dessen linker oberer Gesichtshälfte sprechen diesbezüglich eine deutliche "archäologische Sprache". Es dürften mehrere harte Schläge gegen die linke obere Seite des Kopfes gewesen sein, durch die er letztlich, samt rechtem Oberarm und oberen Rücken, grob vom Körperblock abgetrennt wurde.

Dass die Statue aus Karnak stammt, ist dennoch anzunehmen. Unter allen erhaltenen oberägyptischen Statuen der 22. Dynastie gleicht der Gesichtstyp des Hildesheimer Fragments am meisten dem der vollständig erhaltenen Würfelfigur des Amunpropheten Nes-pa-her-en-ta-hat, die Legrain 1904 aus der Cachette barg (jetzt in Kairo, CG 42189; vgl. Abb. 2). Diese Statue ist 62 cm hoch, besteht aus grauem Granit und zeigt den Dargestellten mit der gleichen Perücke wie das Hildesheimer Fragment. Die Seitenflächen dieser Skulptur sind dicht mit Opferformeln und genealogischen Angaben zu dem Dargestellten beschriftet. Auf der Vorderseite des Körperblocks ist eine quadratische Reliefszene angebracht, die Nes-pa-her-en-ta-hat beim Opfer vor dem Götterpaar Amun-Re und Amaunet zeigt. Eine Inschrift auf der Oberseite enthält die Kartuschen des zur Zeit der Aufstellung der Statue regierenden Pharaos: Es war Osorkon I., der von 922 bis ca. 888 v. Chr. herrschte.

Wegen der großen Ähnlichkeit des Kopfes der Statue des Nes-pa-her-en-ta-hat mit dem Kopf des anonymen Hildesheimer Fragments (vgl. Abb. 3) ist auch für dieses Bildwerk ein zeitlicher Ansatz in der Zeit Osorkons I. zu überlegen. Beide Statuen dürften ursprünglich annähernd gleich hoch gewesen sein. Sie stammen wohl aus der gleichen Werkstätte, die wahrscheinlich auf Skulpturen aus Hartgestein spezialisiert war. Ob die beiden Statuen gar denselben Priester darstellen, bleibt allerdings ungewiss bis der untere Teil, der den Körperblock und die Basis mit den namentlich identifizierenden Inschriften umfasst, eines Tages ausgegraben sein wird. Eine andere, aktuell interessierende Frage, ob hier vielleicht eine Statue nach der Vorlage der anderen angefertigt wurde, ist gleichfalls (noch) nicht zu beantworten. Es wäre nämlich nicht die einzige Erklärung für ihre Ähnlichkeit. Es ist durchaus möglich, dass es ein gemeinsames Bildhauermodell für beide Skulpturen gab, das aber aus nicht dauerhaftem Material bestand und sich folglich nicht erhalten hat.

Dr. Helmut Brandl - Ägyptologe; Wissenschaftlicher Mitarbeiter im BMBF-Verbundprojekt KunstModell 

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