Grafikslider
Navigationspfad
Hauptinhalt

Ein Brunnen im ägyptischen Nildelta

Arbeiten im Brunnen im Jahr 2000 (© Ramses-Stadt, Foto: Axel Krause)
Beengte Verhältnisse: Graben in einem kleinen Innenhof (© Ramses-Stadt, Foto: Axel Krause)
Die Niltonschicht, die den Brunnen im oberen Bereich umgibt (© Ramses-Stadt, Foto: Edgar Pusch)

Das Nildelta entspricht so gar nicht der landläufigen Vorstellung, die viele Menschen von Ägypten haben: Sand und Wüste sucht man hier vergeblich. Dafür breitet sich eine fruchtbare grüne Ebene, durchzogen von Flussarmen und Kanälen, vor dem Auge des Betrachters aus; Wasser ist fast omnipräsent (Abb. 1). Auch wenn sich seit der Antike einiges verändert hat, ist die Situation heute nicht so anders als vor 3000 Jahren. Davon berichten uns Texte, welche die Fruchtbarkeit und den Fischreichtum der Gegend preisen.

Aus diesem Grund scheint es erstaunlich, dass der berühmte ägyptische Ägyptologe Labib Habachi in den 1940er Jahren einen Brunnen aus der Zeit Ramses' II. (ca. 1290-1224 v. Chr.) in Samana bei Qantir entdeckte. Dieser befand sich in einem Außenbezirk der Ramsesstadt. Bereits seit 1980 arbeitet das Projekt Ramsesstadt nahe des modernen Ortes Qantir im östlichen Nildelta Ägyptens. Im Zentrum der Arbeiten steht die archäologische Erschließung des einstigen Geländes der Stadt Pi-Ramesse, der Residenz Ramses' II., die von etwa 1280 v.Chr. an für 200 Jahre als Hauptstadt des pharaonischen Ägypten diente. In der Grabungskampagne 2000/2001 wurde der in Samana entdeckte Brunnen durch den damaligen Grabungsleiter Dr. Edgar Pusch genauer untersucht und vollständig ausgegraben (Abb. 2+3). Seine Tiefe war bemerkenswert und reichte bis 6m unter die antike und 8m unter die heutige Oberfläche; damit lag seine Sohle ganze 2m unter dem antiken Grundwasserspiegel.

Die Wände des Brunnens bestehen aus Kalksteinblöcken, auf denen sich am oberen Rand an zwei Stellen die Namen und Titel des Pharaos Ramses' II. befanden. Da es im Delta aber keine geeigneten Steinvorkommen gibt, wurden ältere Blöcke wiederverwendet, die fast ausschließlich aus der Amarnazeit stammen, d. h. der Zeit von Echnaton (1352-1336 v. Chr.) und Nofretete. Warum wurde aber überhaupt ein so aufwendig konstruierter Brunnen im Ostdelta gebaut, wo es doch Wasser im Überfluss gab? Das erschien zunächst ein unlösbares Rätsel. Bei der genaueren Untersuchung entdeckten wir schließlich eine verständliche Erklärung, die aus der Konstruktion abzuleiten war. Diese sah folgendermaßen aus: Eine Schicht aus sehr dichtem Ton umgab den oberen Teil des Schachtes, um verunreinigtes Oberflächenwasser abzuhalten (Abb. 4). Am Boden des Brunnens befanden sich zwei weitere Schichten, die aus Keramikscherben bestanden (Abb. 5). Diese interpretierten wir zunächst einfach als Abfall oder Überreste von verloren gegangenen Schöpfgefäßen, doch zeigte eine genauere Analyse, dass es sich definitiv um etwas anderes gehandelt haben muss (Abb. 6). Außerdem verwies die Datierung der Scherben darauf, dass das Material aus der gleichen Zeit wie die Anlage des Brunnens stammte und zur Konstruktion gehörte. Da diese Keramikschichten noch unterhalb des antiken Grundwasserspiegels lagen, dürften sie als Filter verstanden werden, in den die Schmutzpartikel des Brunnenwassers absinken und sich in den Zwischenräumen der Scherben sammeln konnten. Das aus dem Brunnen geschöpfte Wasser war dadurch wesentlich reiner als das auf der Oberfläche. Denn auch für die Antike muss angenommen werden, dass das Nilwasser erheblich verunreinigt und vor allem mit Fäkalien verschmutzt war. Gerade in der Zeit des Niedrigwassers mit einer geringen Strömungsgeschwindigkeit war eine solche Verschmutzung sicherlich nicht nur ärgerlich, sondern auch deutlich zu riechen und zu schmecken. Somit diente unser Brunnen nicht einfach zur Versorgung mit Wasser, von dem es ja genug gab, sondern als eine antike Art der Wasseraufbereitungsanlage.

Dr. Henning Franzmeier, Field Director Qantir-Pi-Ramesse-Project, Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim/Humboldt-Universität zu Berlin

Weitere Informationen zur Grabung finden Sie hier...

Blick über die Felder im Süden des modernen Ortes Qantir. Sichtbar sind ein baum-bestandener Kanal und bewässerte Felder (© Ramses-Stadt, Foto: Axel Krause)
Böden sogenannter "Bierkrüge" aus dem Brunnen (© Ramses-Stadt, Foto: Henning Franzmeier)
Werbung