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Ich sehe was, was du nicht siehst ...

Vitrine im RPM, © RPM, Foto: N. Kleinke
Djed-Pfeiler, © RPM, Foto: Sh. Shalchi

Objekte in einer Führung zu vermitteln heißt manchmal sie zu beschreiben. Denn eine Beschreibung erleichtert das Wahrnehmen des Objektes, hilft, die Augen der Besucher*Innen zu leiten, auf wichtige Charakteristika oder auf Besonderheiten aufmerksam zu machen. Dies ermöglicht das zunächst fremd und ungewohnt wirkende Ausstellungsstück vertraut zu machen.

Doch nicht jedes Objekt ist leicht zu beschreiben. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte 'Djed-Pfeiler', der in unserer ägyptischen Dauerausstellung zu sehen ist. Als Schriftzeichen steht er für 'Dauer' (dsched), als Amulett sorgt er für Beständigkeit, garantiert den Schutz des Rückgrates des Verstorbenen, verleiht ihm Kraft und sichert seine Auferstehung. In der Forschung ist ungeklärt, was das Amulett ursprünglich darstellt: "Möglicherweise", begann ich daher meine ersten Führungen "zeigt der Djed-Pfeiler einen astlosen Baum oder ein Bündel aus zusammengebundenen Getreideähren". Suchende Blicke, irritiertes Stirnrunzeln - dieser Einstieg bewirkte nicht die angestrebte Annäherung meiner Zuhörer*Innen an das Objekt.

Aber wie lässt sich der Djed-Pfeiler beschreiben?
Ich präsentierte ihn schließlich als "stabähnlich", mit "Querstreben am oberen Ende", manchmal - um es den Besucher*Innen zu erleichtern, das Objekt in der Vitrine mit den zahlreichen Amuletten überhaupt auszumachen - erweitert mit Beschreibungen wie "türkisfarben" oder "in der Mitte der obersten Reihe rechts". Als 'schön' kann man diese Beschreibung sicher nicht bezeichnen, 'holprig' trifft es wohl eher. Doch die Rettung kam! Während einer Führung, bei der ich das Amulett einer fünften Klasse nahe bringen wollte, fragte mich ein Schüler nach meiner ungelenken Beschreibung: "Meinen Sie das, was so aussieht wie ein Honiglöffel?".

Indes ich nur kopfschüttelnd über mein Unvermögen das Offensichtliche nicht gesehen zu haben staunte, beobachtete ich ein breites Grinsen in den Gesichtern der übrigen Schülerinnen und Schüler und begriff, was dieser sowohl eingängige als auch amüsante Vergleich bewirken konnte. Er schlägt eine Brücke zur Lebenswelt der (modernen) Betrachter*Innen und lässt eine Beziehung zwischen Museumsbesucher*Innen und Museumsobjekt entstehen. Das zunächst fremd wirkende Objekt wird nahbar und die suchenden Blicke der Zuhörer*Innen verwandeln sich in schmunzelndes Nicken, während sie die tatsächliche Bedeutung des "Honiglöffels" kennen lernen.

Nira Kleinke, M.A., Museumspädagogin

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