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MUMIEN - QUELLEN DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG

Das Team des Hildesheimer Mumienforschungsprojektes in der Abteilung Radiologie des St. Bernward Krankenhauses Hildesheim, © RPM, Foto: S. Werner

Seit ca. zwanzig Jahren werden Mumien als bedeutende historische Quellen anerkannt und allerorts entstanden lokale oder überregionale Mumienforschungsprojekte, die das Ziel eint, den konservierten Zeitzeugen vergangener Epochen ihre Geheimnisse zu entreißen. Seit fünf Jahren gibt es auch am Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim ein solches Projekt, das gemeinsam mit zahlreichen Partnern aus der medizinischen Forschung – vor allem dem St. Bernward Krankenhaus in Hildesheim und der Georg-August-Universität Göttingen – inzwischen mehr als zwanzig Mumien aus dem In- und Ausland untersucht hat. Das Hildesheimer Mumienforschungsprojekt unterscheidet sich allerdings erheblich von denen anderer Einrichtungen; denn am RPM stehen weniger historische als vielmehr medizinische Fragestellungen im Mittelpunkt des Interesses.

Mumien bewahren in ihrem Inneren Informationen über das ganze Leben eines Menschen. Sie verraten seine Krankheiten ebenso wie seine Lebensgewohnheiten und manchmal auch die Ursache seines Todes. Dennoch haben Mumien lange Zeit ihre Geheimnisse für sich behalten und der Aufwand ihrer Erforschung schien für viele Institutionen in keinem Verhältnis zu dem relativ geringen Erkenntnisgewinn zu stehen. Dann entwickelte sich in der Medizin die bildgebende Diagnostik, vor allem die Computertomographie, und die Genetik ermöglichte es, die tief in den Zellen verborgenen Informationen auszulesen. Dadurch begannen Mumien plötzlich zu uns sprechen. Sie erzählten von ihrem Leben und längst vergangenen Zeiten. So erfuhren wir z. B. von Herrn Idu II., einem Beamten des alten Ägypten, der um 2.200 v. Chr. unter Pepi II., dem letzten großen Pharao des Alten Reiches, lebte, dass er Rechtshänder und nicht besonders sportlich war, in seiner Jugend unter Hunger gelitten, im Alter aber einen erheblichen Komfort genossen hatte. Es ist faszinierend, einem Menschen aus einer längst untergegangenen Kultur von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten und von ihm aus erster Hand etwas über sein Leben und seine Zeit erfahren. Doch in Mumien schlummern noch ganz andere, brisantere Geheimnisse.

Bild: © RPM, Foto: S. Werner

Viele Menschen waren krank und litten oft an Infektionskrankheiten. Wenn sie starben und anschließend mumifiziert wurden, dann wurden auch die mikroskopisch kleinen Krankheitserreger in ihren Körpern konserviert. Bakterien, Viren und Parasiten haben sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende ständig verändert – sie haben eine evolutionäre Entwicklung durchlaufen. Doch die in den Mumien konservierten Kleinstlebewesen sind unverändert geblieben. Wenn man ihre genetische Information ausliest, kann man rekonstruieren, wie diese Krankheitserreger ursprünglich beschaffen waren und wie sie sich verändert haben, um sich an ihre gleichfalls veränderte Umwelt anzupassen. Unter anderem kann man herausfinden, mit welcher Strategie sich Bakterien gegen Antibiotika zur Wehr setzen, um Resistenzen gegen diese wichtigen Medikamente zu entwickeln. Darum sind erhaltene menschliche Überreste, vor allem aber mumifizierte Personen unschätzbar wertvolle Quellen für die aktuelle medizinische Forschung. Ungarischen und britischen Forschern ist es bereits gelungen, den Entwicklungsprozess des Mycobacterium tuberculosis, des Erregers der Tuberkulose, zu rekonstruieren und diese Erkenntnisse werden nun zur Entwicklung neuer, wirksamerer Medikamente eingesetzt. Dieser Zweig der paläopathologischen Forschung steht noch ganz am Anfang, aber er wird der Medizin ein zusätzliches, wirksames Instrument in die Hand geben, um der Bedrohung aus dem Mikrokosmos zu begegnen. Am RPM in Hildesheim haben wir neue Verfahren zur minimal-invasiven und weitgehend zerstörungsfreien Probenentnahme unter der Kontrolle des CT entwickelt. Für Ende März 2020 war die Untersuchung mehrerer Mumien aus dem süddeutschen Raum geplant. Durch die Corona-Krise mussten diese Untersuchungen nun verschoben werden. Doch die gegenwärtige Krise zeigt die aktuelle Bedrohung durch neue und alte Krankheitserreger und wie wichtig es ist, neue Lösungsstrategien zu entwickeln. Das Hildesheimer Projekt könnte die Keimzelle einer solchen neuen Strategie werden.

Schon vor fast zwei Jahren ging aus diesem Forschungsprojekt ein neues Ausstellungsprojekt hervor. Seuchen – Fluch der Vergangenheit, Bedrohung der Zukunft wird 2021 eröffnen und den ganzen Themenkomplex der Infektionskrankheiten unter natur- und kulturwissenschaftlichen Aspekten beleuchten. Die Ausstellung wird von den ersten Heilversuchen der Antike berichten, die großen Durchbrüche der Medizin im 19. und 20. Jahrhundert präsentieren und schließlich zeigen, welche Bedrohungen noch auf uns zukommen und wie man ihnen in einer globalisierten Welt begegnen kann. Dieses Kooperationsprojekt des RPM mit zahlreichen medizinischen Einrichtungen wie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)  und Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) ist gerade hochaktuell geworden.

Oliver Gauert, M.A. – Kurator Sonderausstellungen und Koordinator des Hildesheimer Mumienforschungsprojektes

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