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© RPM, Fotos: Sh. Shalchi, S. Kielau

Rätsel um die verschleierte Frau

Als Klassischer Archäologe kenne ich die Mode der griechisch-römischen Antike recht gut, auch die Arten, wie Frauen ihre Gesichter verhüllten. Noch nie hatte ich davon gehört, dass vor rund 2000 Jahren schon ein fransigen Gesichtsschleier in der Art eines orientalischen Nikab getragen wurde. Die 16 cm große Hildesheimer Tonfigur mit der Inventarnummer PM 1840 erschien mir daher sehr verdächtig, eine moderne Fälschung zu sein. Sie fällt unter den vielen kleinen griechisch-römischen Terrakotten, die Museumsgründer Pelizaeus vor über 100 Jahren in Ägypten erworben hatte, besonders auf.

Regine Schulz, Direktorin des Roemer- und Pelizaeus Museums, und Christian Bayer, Kurator der Antikensammlung, boten mir 2017 an, die griechisch-römischen Tonfiguren des Hauses zu bearbeiten. Darauf bin ich spezialisiert und ich hatte schon viele Originale in den Händen gehalten. Nun aber lautete der Auftrag, unter den Figuren auch Fälschungen zu entdecken, denn zu der Zeit wurde die Ausstellung "Irrtümer und Fälschungen in der Archäologie" vorbereitet.

Was tut ein Terrakottenforscher, wenn er eine Figur wie die Frau mit dem Schleier nicht einordnen kann? Er wälzt die Terrakottenkataloge anderer Museen, um ein vergleichbares Stück zu finden. Das kann glücken, denn Terrakotten wurden in der Antike oft in Serie hergestellt und dann verkauft. Gleich aussehende Figuren wurden schon weit entfernt voneinander gefunden, z. B. in Italien und in der Türkei. Eine Frau mit solch einem Schleier aber konnte ich in keinem Katalog wiederfinden. Der einzige bekannte Anhaltspunkt blieb, dass die Figur um 1900 in Ägypten erworben wurde.

Da in Ägypten in griechisch-römischer Zeit freilich nicht nur Griechinnen und Römerinnen, sondern vor allem Ägypterinnen und auch Frauen anderer Herkunft lebten, könnte hier die Erklärung zu suchen sein. Oder ist die Figur einfach nur eine dreiste Fälschung?

2018 wurde ich auf Dienstreise nach Frankreich geschickt, um Hunderte von unveröffentlichten Terrakotten in dem Museum von Limoges zu sichten. Sie stammen ebenfalls aus Ägypten, vermutlich aus einer alten Grabung in der mittelägyptischen Stadt Hermopolis Magna. Als ich eine der Schubladen im Archiv aufzog, schaut mich aus einem vertrauten verschleierten Gesicht ein Augenpaar an...

Dass es sich bei der Figur in Hildesheim um eine Fälschung handelt, kann nun guten Gewissens ausgeschlossen werden, denn die Figur in Limoges ist durch ihre Herkunft eher unverdächtig. Warum die nunmehr zwei Frauen so einen rätselhaften Schleier tragen, bleibt ein Geheimnis.

Dr. Sven Kielau, Klassische Archäologie, wissenschaftlicher Mitarbeiter am RPM 

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