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Projekt "KunstModell"

Dr. Helmut Brandl, ©Helmut Brandl
Vier altägyptische Modelle (Quelle und Bildrechte siehe Bildlegende)

Liebe Freunde des Roemer-und Pelizaeus-Museums!

Ich grüße Sie heute aus der "Studierecke" meiner Berliner Wohnung. Hier arbeite ich momentan, wie so viele andere, im Home-Office. Unter anderen Umständen wäre ich regelmäßig, dienstags bis freitags in Hildesheim, wo ich im Verwaltungstrakt des Museums ein Büro habe. Aber das Pendeln zwischen Berlin und Hildesheim, das seit Juli 2019, meinem Arbeitsbeginn am Roemer- und Pelizaeus-Museum, so etwas wie den Takt meiner beruflichen Aktivitäten darstellte, ist derzeit, aus den bekannten Gründen, nicht ratsam. Glück im Unglück: In den Zeiten digitaler Vernetzung, im engen Austausch mit den Kollegen am Museum, in Wismar (wo Kolleginnen arbeiten) und international, sowie nicht zuletzt mithilfe einer häuslichen ägyptologischen Handbibliothek, die für mich wichtige Fachliteratur bereithält, ist es mir möglich, meine Arbeit in den eigenen vier Wänden fortzusetzen. "Schweigen ist Silber - Schreiben ist Gold" steht auf einem Kärtchen, das an meine Bücherwand im Arbeitszimmer gepinnt ist.

Ich bin einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums, spezialisiert auf die Kunst und Kultur des pharaonischen Ägypten. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Verbundprojektes "KunstModell" arbeite ich zusammen mit meinen Kollegen, den Ägyptologen Dr. Christian J. Bayer, am RPM, und Dr. Christian E. Loeben, dem Kurator der Ägyptischen und islamischen Sammlungen des Museums August Kestner in Hannover, an der Erforschung der altägyptischen Modelle-Kultur. Zusammen entschlüsseln wir die verborgene "Sprache der Objekte".

Drei Jahre beträgt die Laufzeit dieses Projektes. Am Ende sollen die Forschungsergebnisse auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden, und zwar im Rahmen einer Sonderausstellung am Roemer- und Pelizaeus-Museum. Zwei Beispiele mögen Ihnen vorab einen Einblick geben, von welcher Art altägyptische Modelle sein können und welche Aspekte bei ihrer Interpretation Bedeutung haben können.

Seit ältester Zeit ist in der Kultur des Nillandes - und nicht nur dort - ein Denken in Bildern bzw. Sinnbildern erkennbar, das sich vor allem in den heiligen Sphären der Tempel und Grabanlagen niederschlägt. Auch die Hieroglyphen, die "heiligen Zeichen" der Ägypter, die dort die Wände bedecken, können als kleine "Modelle" aufgefasst werden, denn sie repräsentieren, in verkürzter Form, Wesen und ihre Handlungen, Gegenstände oder auch Naturphänomene. Bildlich und lautlich können sie entweder konkret das Dargestellte bedeuten, nur symbolisch darauf Bezug nehmen, oder auch eine ganz übertragene Bedeutung annehmen.

Eines der Hauptthemen in der Wanddekoration der Beamtengräber des Alten Reiches (26.-22. Jh. v. Chr.) war die jenseitige Versorgung der Grabbesitzer mit Lebensmitteln, die verdichtet in der sog. "Speisetischszene" dargestellt wurde. Vor dem Essen kamen üblicherweise Waschgeschirre zum Einsatz und wurden aus diesem Grund auch den Toten mit ins Grab gegeben. Nicht in jedem Fall handelte es sich dabei jedoch um real verwendbare Objekte.

Aus dem Grab des Set-ka, zu Füßen der Cheops-Pyramide von Giza, stammt das Hildesheimer Modell eines Waschgeschirrs (vgl. Abb., a). Es besteht aus drei entsprechend geformten, ineinander gesteckten Stücken aus Kalkstein, die einen konischen Becher und, in den Becher hineingestellt, ein Nemset genanntes Kännchen mit seiner typisch langen Ausgusstülle imitieren. Der Vergleich mit einem tatsächlich benutzbaren altägyptischen Waschgeschirr aus Kupfer (Abb., b), das dem Museum August Kestner gehört, macht deutlich, dass das steinerne Objekt in Hildesheim lediglich ein nicht funktionales Sinnbild ist, eben das Modell eines Waschgeschirrs. Stein war das "Ewigkeitsmaterial" der Ägypter. Seine Verwendung in der magischen Sphäre des Grabes beruhte auf der "ewigen" Dauerhaftigkeit, die diesem Material zugeschrieben wurde.

Der bronzene Hildesheimer Handspiegel (Abb., c) könnte dagegen wirklich in einem Haushalt benutzt und später in das Grab seiner Besitzer gelegt worden sein. Sein Griff ist in Gestalt eines Papyrusstängels mit einer ausladenden Dolde geformt - ein Symbol der jugendlicher Frische - und mit dem Kopfemblem der kuhohrigen Göttin Bat geschmückt. Darüber erhebt sich die einst polierte, breitovale Spiegelscheibe.

Als Grabbeigaben besaßen Spiegel eine religiöse Bedeutung, die weit über ihre Funktion als Gegenstand der Körperpflege hinausging. Das altägyptische Wort für "Spiegel" lautet anch. Es ist dasselbe Wort, das auch "Leben" bedeutet. Ein Spiegel konnte daher - wie die entsprechende Hieroglyphe - Leben über den Tod hinaus versinnbildlichen. Die Form und der warme Goldton der reflektierenden Bronzescheibe eines realen Spiegels dürften zudem mit der Gestalt der Sonne verbunden worden sein. Im morgendlichen Sonnenaufgang wollte man die göttliche Garantie erkennen, dass sich das Leben, nach einer Phase der unterweltlichen Regeneration, periodisch erneuert.

Handspiegel solcher Art dürften das Modell für ein eigentümliches Objekt des Museums August Kestner gebildet haben, das einen Handspiegel im Material Stein (Kalzit-Alabaster) nachbildet (Abb., d). Wahrscheinlich handelt es sich um ein Salbschälchen, in dem Kosmetika angerührt werden konnten. Die Spiegelform dieses Objektes, die nichts mit dieser alltäglichen Funktion zu tun hat, wurde vermutlich aufgrund ihrer überragenden Lebenssymbolik gewählt. Auch das steinerne, nicht funktionale Modell eines Spiegels konnte somit zum machtgeladenen Sinnbild werden, dessen magische Kraft die Wiedergeburt seines Besitzers befördern und begleiten konnte.

Es sind solche Bilder und Zeichen, die es zu entschlüsseln gilt, wenn es darum geht, die "Sprache der Objekte" wieder verständlich zu machen. Der Katalog der Modelle in den ägyptischen Sammlungen Hildesheims und Hannovers, den ich derzeit erstelle, bildet dafür eine breite Grundlage.

Dr. Helmut Brandl - Wissenschaftlicher Mitarbeiter im BMBF-Verbundprojekt KunstModell

Hier finden Sie weitere Informationen zum Projekt.

Bildlegende:
Vier altägyptische Modelle von etwas bzw. Modelle für etwas.

a. Waschgeschirr aus Kalkstein. Hildesheim, PM 2631, 2632. © RPM, Foto: Sh. Shalchi.
b. Waschgeschirr aus Kupfer. Hannover, MAK, Inv.-Nr. 1929.618 a/b. © MAK, Foto: Ch. Tepper.
c. Handspiegel aus Bronze. Hildesheim, PM 85. © RPM, Foto: Sh. Shalchi.
d. Salbschälchen aus Kalzit-Alabaster in Form eines Handspiegels. Hannover, MAK, Inv.-Nr. 1900. © RPM, Foto: Ch. Tepper.

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